Auszeit

•27. Mai 2020 • Kommentar verfassen

“Was ist so schlimm, wenn ich mir von dir das wünsche, was sich in Jahrtausenden menschlichen Überlebens bewährt hat?”
Sie schenkte mir diesen fragenden Blick – mit leicht gehobener rechter Augenbraue –, den ich in den siebzehn Tagen unserer Bekanntschaft lieben gelernt hatte.
“Das ist nichts Schlimmes – an sich,” antwortete sie schließlich zögernd, “außer dass ich, auch wenn ich dich sehr mag – zu meiner eigenen Überraschung –, nicht sagen könnte, dass ich dich kenne – jedenfalls nicht genug, während du anscheinend schon unsere ungeborenen Kinder in meinen Augen siehst.”
“Ich schäme mich dessen nicht, was ich gesagt habe, Séraphine. Und ja, ich sehe sie klar vor mir: ein Mädchen namens Amanda und einen Jungen namens Akash.”
Dies war der Augenblick, in dem sie aufstand und mich im hellen Sonnenschein jenes Sonntagnachmittags an den Ufern der Seine verließ.
Erst Jahre später sah ich sie wieder, als wir uns ausgerechnet in Bangkok zufällig über den Weg liefen.
Die zweijährige Amanda und ich kamen sie besuchen, als sie Akash nach einer fast mühelosen Geburt in den Armen hielt. Sie sagte, “Ich weiß immer noch nicht, wie du dazu kamst, das in Paris alles vorauszusehen – so eine Frechheit! – aber wir könnten ja seinen Namen immer noch ändern, oder?”

– James Steerforth (© 2020)

(200 Wörter)

Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Beilharz. Das Original mit dem Titel Hiatus wurde in Six Sentences veröffentlicht.

Bembrotal

•18. November 2019 • Kommentar verfassen

Nun wurde mir geraten, Bembrotal zu nehmen. Im Hinterkopf hatte ich den vagen Gedanken, dies vielleicht irgendwann einmal zu tun, aber auf keinen Fall jetzt. Doch wurde ich sofort durchschaut, als ob man durch mich durchsähe wie durch Glas. Denn es wurde mir klargemacht, wie dringlich die Sache war. Ich wurde angefasst, geschubst. Diesem Drängen, dieser aufdringlichen Nähe fühlte ich mich hilflos ausgesetzt. Was konnte ich tun? Ich versuchte aufzustehen von dem niedrigen Stuhl, auf den man mich gesetzt hatte, doch brachte mich eine unmissverständliche Hand auf der Schulter dazu, den Versuch aufzugeben. Insbesondere war da einer, mir schien sein Name Benzinger zu sein, der stets mit lauter Bassstimme allem Nachdruck verlieh und immer beim Reden umherging, mich umkreiste. Auch eine zirpende Frauenstimme mit chinesischem Akzent redete auf mich ein. Es schien kein Auskommen zu geben vor der Einnahme dieses Bembrotals, von dem ich nur ahnte, was es anrichten konnte.

– Franz Klein (© 2019)

(150 Wörter)

Ein Interview mit dem Filmschauspieler Edwin F.

•21. Oktober 2019 • Kommentar verfassen

Kittie Halferdinger: Was sind die unangenehmsten Erinnerungen Ihrer Karriere?

E. F.: Dass ich in Der falsche Kuss ständig rauchen musste. Ich bin Nichtraucher und hasse Zigarettenrauch. Jede Art von Rauch. Ich musste sogar lernen, Rauchringe zu hauchen.

Kittie Halferdinger: Sicher traumatisch, aber die Rauchringe kamen sehr gut raus. Noch etwas Unangenehmes?

E. F.: In Wild-Bayern musste ich reiten, was ich an sich gern tue, aber in einer der Galoppszenen fiel ich vom Pferd und trug etliche Prellungen davon. Außerdem musste ich im selben Film Ursula G. küssen, und zwar leidenschaftlich mit Zungenaktion, wie es im Drehbuch stand. Eine hautnahe Bettszene in einem Zimmer mit lauter Hirschgeweihen gab es auch. Wurde in der Nähe von Bad Tölz gedreht. Wir können uns im Privatleben nicht ausstehen. Das ist ja, glaube ich, hinreichend bekannt.

Kittie Halferdinger: War mir zumindest nicht bekannt.

E. F.: Sie hatte gerade eine Affäre mit dem Regisseur und hätte es fast geschafft, mich aus dem Film rauszuekeln.

Kittie Halferdinger: Eine Ihrer bekanntesten Rollen.

E. F.: Seltsamerweise, ja.

Kittie Halferdinger: Welches ist unter den Filmen, in denen Sie gespielt haben, Ihr Lieblingsfilm?

E. F.: Der Kriegsfilm Helmand.

Kittie Halferdinger: Da haben Sie einen ziemlich unangenehmen Typ gespielt. Eher untypisch für Sie.

E. F.: Das war eine große Herausforderung, nicht nur schauspielerisch. Ich musste für die Rolle vierzig Kilo zunehmen, einen Bart wachsen lassen – ich kann Bärte nicht ausstehen – und eine Perücke tragen, die meinen Kopf verunstaltet hat.

Kittie Halferdinger: Aber Sie haben in der Biennale einen Preis als bester Hauptdarsteller gewonnen.

E. F.: Und bei den Dreharbeiten habe ich meine wunderbare jetzige Lebenspartnerin kennengerlent.

Kittie Halferdinger: Gigi Gaga. Wie gemunkelt wird, wird man Sie beide bald wieder zusammen in einem Film sehen.

E. F.: Ja, wir sind die Guten in einem Öko-Apokalypto-Thriller namens Sumazonas.

Kittie Halferdinger: Vielen Dank, Edwin F.

– Peter Neuberger (© 2019)

(300 Wörter)

Herr K.

•22. Februar 2019 • Kommentar verfassen

Ja, der Franz! Der hat lang für uns gearbeitet, war aber immer gesundheitlich ein bisserl sensitiv, immer wieder in Sanatorien. Hat, soweit mir bekannt, ein paar unglückliche Liebschaften gehabt, auch in Berlin, hab ich gehört. Und nebenher geschrieben. Romane, glaube ich, und Kurzgeschichten. Irgendwas über einen Heizer, der nach Amerika geht. Ist irgendwann krankheitshalber ausgeschieden, soweit ich mich erinnere, und früh verstorben. War nie verheiratet. Eigentlich ein guter Mann, hatte gute Ideen zur Verbesserung der Arbeitssicherheit. Persönlich eher scheu, zurückhaltend. Hat nie viel gesagt. Nichts Auffallendes an ihm. Seltsam, dass jetzt nach so langer Zeit Reporter kommen in Sachen Franz.

– Johannes Beilharz (© 2019)

(100 Wörter)

Die sprechende Katze

•6. November 2018 • Kommentar verfassen

“Ja, Englisch und Französisch spreche ich auch. Ich stamme aus Marokko. Frag mich nicht, wie ich hier auf diesem elenden Bauernhof gelandet bin. Siebenundzwanzig Würfe habe ich auf die Welt gebracht. Das Leben ist hart. Der Bauer ist ein grausamer Kotzbrocken. Er tritt uns, wann immer er kann. Sale brute.”

– Johannes Beilharz (© 2018)

(50 Wörter)

Nachbemerkung des Autors
Das ist ein ziemlich wortgetreuer Ausschnitt aus einem Traum, den ich letzte Nacht hatte. Die Katze, mittelgroß, grau und langhaarig, hatte mich zunächst angefaucht, als ich mit dem Fahrrad auf dem Bauernhof in der Nähe von Beuren ankam. Ich stieg ab und setzte mich auf einen großen Holzblock, der vor dem Haus lag, und sie kam mit drei jüngeren Katzen, die ihr ähnlich sahen, setzte sich mir gegenüber auf den Boden und erzählte das oben Geschilderte.

Ich brachte Tee und Gebäck

•17. August 2018 • Kommentar verfassen

Ach diese leidende Miene!
“Was soll mir das! Du weißt doch, dass ich Zucker vermeide – ist ungesund.”
“Ich wollte dir nur …”
“Und Tee soll anregen – ja, wenn mir das nur helfen würde.”
“Du hast doch früher gern Tee getrunken…”
“Früher! Ja, früher, als …”
“Als?”
“Als es mir noch gut ging.”
Wann ist es dir je gut gegangen.
“Dann nehm ich’s eben wieder mit.”
“Wieder eine Erinnerung daran, wie die Welt ist.”
“Ja, so ist nun mal die Welt.”
Voller guter Vorsätze, die an ehernen Panzern verquerer Psyche zerbrechen. In diesem Fall. Man soll nicht verallgemeinern.
“Ich verlasse deine Welt.”
“Ach!”

– Noémie Labaleye (© 2018)

Anmerkung der Autorin, die diese Ultrakurzgeschichte unter Pseudonym einreichte: “Eine winzige Charakterstudie, die auf einer etwas schwierigen Person beruht, mit der ich in der Vergangenheit durch Verwandtschaftsbande zu tun hatte.”

Natürlich

•23. April 2018 • 2 Kommentare

Kaputt, Foto von Johannes Beilharz (2018)

Natürlich haben wir über den Film gelacht, den sie bei uns im Viertel gedreht haben. Bis uns die Tränen gekommen sind. Kaputt ist eben vor allem kaputt und wird erst durch eine Kamera amüsant. Mittlerweile kommen schon Fototouris, um mit unserer Kaputtheit als Hintergrund ihre Selfies zu schießen. Schöne Welt.

– Justinian Belisar (© 2018)

(50 Wörter)

 
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