Das Mädchen von der Haltestelle Kafka

“Na, was glotzt ihr so? Noch nie jemand wie mich gesehen mit knallroten Haaren, Piercings, Tätowierungen an Armen und Beinen, ausgefransten Shorts, schwarzen Springerstiefeln im Hochsommer? Und das an einer Haltestelle für öffentliche Verkehrsmittel, bei der’s eher aussieht wie nach Müllkippe – eine verschimmelte Matratze hier, abgefahrene Reifen, eine Kloschüssel auf dem Kopf, weggeschmissene DVDs ohne Hülle, ausgemusterte Schulhefte, zertrümmerte Möbel und viel übelriechender Abfall in Plastiktüten. Wird natürlich von den Müllmännern nie entfernt, weil die uns hassen. Während ihr vorbeifahrt mit euren fetten Ärschen in den fett gepolsterten Sitzen eurer fetten SUVs und mir angeekelte Blicke zuwerft. Wenn ihr mich überhaupt wahrnehmt. Aber eins kann ich euch versprechen: ich komme hier raus aus diesem versifften Dreckloch mit seinen Mafiosi, Dealern, Tagedieben, Trunk- und Drogensüchtigen und Asozialen – eines Tages schaffe ich das. Ich habe einen Plan. Und dann könnt ihr was erleben, ihr privilegierten Arschlöcher, denn ich vergesse und vergebe nichts.

– Cora Ebenezar (© 2022)

(150 Wörter)

Aus dem Tagebuch einer Schnecke

Seit Tagen ist es so heiß, dass es schwierig ist, ausreichend Schleim für die täglichen Unternehmungen zu erzeugen. Von dem schwarzen, ebenen Band, das ich in kühleren Tagen regelmäßig überquere, um bessere Weiden zu finden, halte ich mich tunlichst fern. Heute viermal die Augen einziehen müssen – glücklicherweise keine wirklichen Gefahren.

– Julius Schneck (© 2022)

(50 Wörter)

Nachbemerkung des Autors
Es ist für uns Schnecken nicht einfach, Dinge festzuhalten. Sie müssen mit bewusster Anstrengung in einen globalen Speicher gedacht werden. Gestern hatte ich den Einfall, Ereignisse aus meinem Leben aufzuzeichnen. Dies ist der erste Band. Weitere sollen folgen, falls ich überlebe und dazukomme.

Photo by Julian on Unsplash

Franz Kafka – Der Geier

Es war ein Geier, der hackte in meine Füße. Stiefel und Strümpfe hatte er schon aufgerissen, nun hackte er schon in die Füße selbst. Immer schlug er zu, flog dann unruhig mehrmals um mich und setzte dann die Arbeit fort. Es kam ein Herr vorüber, sah ein Weilchen zu und fragte dann, warum ich den Geier dulde.
“Ich bin ja wehrlos”, sagte ich, “er kam und fing zu hacken an, da wollte ich ihn natürlich wegtreiben, versuchte ihn sogar zu würgen, aber ein solches Tier hat große Kräfte, auch wollte er mir schon ins Gesicht springen, da opferte ich lieber die Füße. Nun sind sie schon fast zerrissen.”
“Dass Sie sich so quälen lassen”, sagte der Herr, “ein Schuss und der Geier ist erledigt.”
“Ist das so?” fragte ich, “und wollen Sie das besorgen?”
“Gern”, sagte der Herr, “ich muss nur nach Hause gehn und mein Gewehr holen. Können Sie noch eine halbe Stunde warten?”
“Das weiß ich nicht”, sagte ich und stand eine Weile starr vor Schmerz, dann sagte ich: “Bitte, versuchen Sie es für jeden Fall.”
“Gut”, sagte der Herr, “ich werde mich beeilen.”
Der Geier hatte während des Gespräches ruhig zugehört und die Blicke zwischen mir und dem Herrn wandern lassen. Jetzt sah ich, dass er alles verstanden hatte, er flog auf, weit beugte er sich zurück, um genug Schwung zu bekommen und stieß dann wie ein Speerwerfer den Schnabel durch meinen Mund tief in mich. Zurückfallend fühlte ich befreit, wie er in meinem alle Tiefen füllenden, alle Ufer überfließenden Blut unrettbar ertrank.

– Franz Kafka

Anmerkung
Diese Erzählung stammt aus dem Nachlass von Kafka und wurde auf den Spätherbst 1920 datiert. Erstmals veröffentlicht wurde sie 1936. Der Titel wurde von Max Brod gewählt.

Selbstverständlich wusste Kafka nichts von den Regeln irgendwelcher Blogs – vor mehr als 100 Jahren gab es ohnehin keine – und hätte sich wahrscheinlich sowieso nicht für solche Formalitäten interessiert, so dass hier die Anzahl der Worte irrelevant ist.

Foto von Nick Kwan auf Unsplash

Numerologie

“Ist dir auch schon aufgefallen, dass man sich manche Zahlen leicht merken kann, während andere viel widerspenstiger sind?”
“Genau!”
“Ganz klare Favoriten sind natürlich Zahlen mit zwei Nullen am Ende. Bei drei Nullen wird’s schon schwieriger, weil man sich dann merken muss, wie viele es sind.”
“Genau!”
“Es ist zum Beispiel leicht, sich an die Zahl 100, 1000 oder 10000 zu erinnern, nicht aber an eine Million oder Milliarde. Zu viele Nullen.”
“Genau!”
“Liebling, sagst du eigentlicht immer genau? Ich dachte, das wäre in den Neunzigerjahren mal Mode gewesen, dann aber wieder abgeebbt.”
“Genau!” Damit zwinkerte sie mich boshaft an und gab mir einen kurzen, nassen Kuss auf die Lippen.
“Danke!”
“Seltsamerweise finde ich, dass Zahlen, die auf 072 enden, leicht zu merken sind. Geht dir das auch so?”
“Eigentlich nicht. Aber Zahlen, die auf 99 enden, kann ich mir gut merken. Falls sie nicht zu lang sind, natürlich.”
“Definiere zu lang.”
“Sechs Stellen sind optimal, länger wird schwierig. Ich bin aber auch kein Zahlen- und Merkegenie, gebe ich offen zu.”
“Genau!”
Wieder grinste sie mich boshaft an. Sollte ich es mit dieser Frau wirklich ein ganzes Leben lang aushalten können, wie ich es ihr in der Kirche geschworen hatte?

– Justinian Belisar (© 2022)

(200 Wörter)

Meine Nacht mit Audrey

“Wir sind alle älter geworden“, flüsterte sie mir ins Ohr.
Ich drehte den Kopf zu ihr hin. Sie sah mich mit diesem sonnig-heiteren Blick an, den man aus ihren Filmen kennt.
“Das passiert selbst den Besten”, sagte ich.
“Es fällt mir immer schwerer, mich zu erinnern”, sagte sie.
Darauf hatte ich nichts zu erwidern, doch das war auch nicht nötig, denn sie fuhr fort, “Kaum zu glauben – ich kann mich nicht einmal an den Namen meiner Katze erinnern.”
“Diese Katze hatte nie einen Namen. Das hast du selbst in Frühstück bei Tiffany gesagt.”
Ein verwunderter Blick aus diesen glänzenden Augen, dann ein Seufzer.
“Das stimmt natürlich. Aber selbst das hatte ich vergessen.”
Das war das Ausmaß meiner Nacht mit Audrey – zumindest das, woran ich mich erinnerte, als ich am Morgen aufwachte. Ich drehte meinen Kopf zu der Stelle, an der ihr Porträt an der Wand hing – leicht schief, ewig jung.

– Johannes Beilharz (© 2022)

(150 Wörter, Übersetzung aus dem Englischen von Johannes Beilharz)

Anmerkung des Autors
Dieses kleine Fantasiestück basiert auf dem Porträt der Schauspielerin Audrey Hepburn, das in meinem B&B-Zimmer hing und das ich am Morgen nach dem Traum fotografierte. In Frühstück bei Tiffany (1961) spielte Audrey Hepburn eine Frau namens Holly Golightly, die eine Katze hatte, deren Namen nur “Katze” lautete. Diese Katze wurde von dem Katzenstar Orangey gespielt.

Die Gasse der dunklen Läden

Las ich doch ein Zitat von Patrick Modiano über die Côte d’Azur im Winter und dachte, ich könnte vielleicht etwas Modiano-Ähnliches schreiben. Hat der Typ übrigens nicht den Nobel für Literatur bekommen?

Gelesen von ihm habe ich nur Die Gasse der dunklen Läden. Von dieser Lektüre ist nichts geblieben als ein dunkles, undefiniertes Gefühl (also eher schwummrig) und eine Erinnerung an etwas Enttäuschung. Denn das Buch erfüllte das Versprechen des mysteriösen Titels, dessentwegen ich es gekauft hatte, nicht. Etwas Schwummriges, Undefiniertes, Dunkles hatte es allerdings schon, daran meine ich mich zu erinnern. Und auch ein undefiniertes Ende – eines dieser Enden, das einen mit an den Felsen geklammerten Händen über einem Abgrund hängen lässt.

Viel später entdeckte ich bei einem Spaziergang in Rom, dass es da eine Straße des Namens Via delle Botteghe Oscure gibt, in der es eigentlich nichts Besonderes gibt außer der Krypta Balbi, die in der Antike zum Theater des Balbus im mittleren Marsfeld gehörte und jetzt Teil des Römischen Nationalmuseums ist.

Wenn ich also etwas im Stile Modianos schreiben wollte, müsste es etwas mit einem vielsprechenden Titel sein und einem Inhalt, der mit dem Titel kaum etwas zu tun hat. Ich könnte dieses Prunkstück der Fiktion zum Beispiel Sonntag im August nennen und in der Antike auf dem Marsfeld spielen lassen, das als Schaf- und Pferdeweide Verwendung fand, wenn es nicht für Militärübungen genutzt wurde.

Wie wär’s mit einer Romanze zwischen einer Schafhirtin und einem Centurio mit dem Spitznamen Oscuro, nach dem später die Straße benannt wurde?

– Johannes Beilharz (© 2022)

(250 Wörter)

Gruppenbild mit Dame

Das war so zustandegekommen: Wir waren bei einer dieser Oldtimer-Shows, die unser Klüngel besuchte, in Essen, glaube ich, – wir waren alle Autonarren – Bodo, Uli, Hein, Schrödi, Kleves und ich, Harry – mit einer Vorliebe für alte Käfer. Nur dass diesmal auch Henrietta, Heins neueste Flamme, mit dabei war. Bei einem roten Opel Kapitän, der nur so vor Chromteilen blitzte in der prallen Sonne, als wäre er selbst eine Sonne, holte Hein seine alte Polaroid aus der Tasche und gab sie mir, damit ich ein Foto machen sollte. Es gab Ärger wegen dieses Fotos, da Henrietta fand, sie sähe etwas alt aus in dem, was die Kamera ausgespuckt hatte. Kleves machte eine seiner spöttischen Bemerkungen (“Na, wie fünfzehn siehste wirklich nich aus!”), was Henrietta noch mehr erboste, so dass sie uns der Reihe nach mit einem Blick ansah, der getötet hätte, wenn Blicke töten könnten, und dann mit den Worten “Ihr mit euren blöden Blechkisten seid sowas von – ich weiß nicht was!” wegstürmte. In dem Bild steht Henrietta in der Mitte. Hein drückt ihr von der Seite einen Kuss auf die Wange. Nach dieser Episode sahen sich die beiden ein paar Wochen nicht, trafen einander später aber irgendwo auf einem Fest und machten Frieden. Zogen in Heins Wohnung zusammen, heirateten ein Jahr später und mieteten zur Hochzeit den roten Opel. Das Gruppenbild mit Dame hängt gerahmt in Heins Arbeitszimmer und ist inzwischen fast völlig verblichen. Aber ich könnte schwören, dass Henrietta auch heute noch mit einem schnippischen Blick an diesem Foto vorbeigeht.

– Harry Stanton (© 2022)

(250 Wörter)

Neues vom Büttel

“Den Büttel hab ich satt, liebe Freundin! Keine Vorwürfe, bitte! Der hat mich heute zweimal gekratzt – mit voller Absicht. Der kriegt morgen nichts zum Fressen, da kann er mich anbetteln und traurige Augen machen solange er will. Der bleibt in der Dusche eingesperrt. Keine Aufmerksamkeit. Keine Leckerli. Schluss aus miau!”

– Johannes Beilharz (© 2021)

(50 Wörter)

Anmerkung
Beruht zwar auf beobachteten Tatsachen, ist aber maßlos übertrieben und wird ausdrücklich nicht zur Nachahmung empfohlen.

Eigentlich ist hier alles kaputt

“Hier ist eigentlich alles kaputt”, sagte Ottorino, langjähriger Pessimist und Misanthrop, indem er auf eine der zahlreichen Müllablagen zeigte, “aber jeder in der Nachbarschaft hat ein Auto, ein Handy neuester Machart, Geld für Drogen und zu Hause Internet für Sportsendungen, Pornos und so weiter. Und irgendwie funktioniert das auch meistens.”

– Pierpaolo Gucci (© 2021)

(50 Wörter)

Inbesitznahme

Helma, Erich und Nachwuchs sind am Urlaubsziel eingetroffen.
“Was für ein schönes Zimmer! Ich kann’s kaum glauben.”
“Sieht so gut aus wie im Internet.”
“Ich teste gleich mal das Bett. Du weißt, ich kann weiche Betten nicht ausstehen.”
“Ich weiß! Und dicke Kopfkissen auch nicht.”
“Leider wieder zwei Matratzen. Hatten wir nicht französisch angekreuzt?”
“Herrliche Aussicht! So ein wunderbarer, sauberer Strand!”
“Und türkis glitzerndes Wasser.”
“Kaum Wellen. Da können sogar die Kinder schwimmen.”
“Mama! Da ist eine Baby-Badewanne im Bad!”
“Das ist ein Bidet, Isi. – Ich sehe keine zusätzliche Rolle Toilettenpapier. Das müssen wir unbedingt an der Rezeption melden, Erich.”

– Cora Ebenezar (© 2021)

(100 Wörter)

Foto von Johannes Beilharz.