Ich brachte Tee und Gebäck

•17. August 2018 • Schreibe einen Kommentar

Ach diese leidende Miene!
“Was soll mir das! Du weißt doch, dass ich Zucker vermeide – ist ungesund.”
“Ich wollte dir nur …”
“Und Tee soll anregen – ja, wenn mir das nur helfen würde.”
“Du hast doch früher gern Tee getrunken…”
“Früher! Ja, früher, als …”
“Als?”
“Als es mir noch gut ging.”
Wann ist es dir je gut gegangen.
“Dann nehm ich’s eben wieder mit.”
“Wieder eine Erinnerung daran, wie die Welt ist.”
“Ja, so ist nun mal die Welt.”
Voller guter Vorsätze, die an ehernen Panzern verquerer Psyche zerbrechen. In diesem Fall. Man soll nicht verallgemeinern.
“Ich verlasse deine Welt.”
“Ach!”

– Noémie Labaleye (© 2018)

Anmerkung der Autorin, die diese Ultrakurzgeschichte unter Pseudonym einreichte: “Eine winzige Charakterstudie, die auf einer etwas schwierigen Person beruht, mit der ich in der Vergangenheit durch Verwandtschaftsbande zu tun hatte.”

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Natürlich

•23. April 2018 • 2 Kommentare

Kaputt, Foto von Johannes Beilharz (2018)

Natürlich haben wir über den Film gelacht, den sie bei uns im Viertel gedreht haben. Bis uns die Tränen gekommen sind. Kaputt ist eben vor allem kaputt und wird erst durch eine Kamera amüsant. Mittlerweile kommen schon Fototouris, um mit unserer Kaputtheit als Hintergrund ihre Selfies zu schießen. Schöne Welt.

– Justinian Belisar (© 2018)

(50 Wörter)

Das lebendige Feuer

•7. November 2017 • Schreibe einen Kommentar

Liebe Milena, es hat mich betrübt, auf Umwegen zu hören, wie Sie im Nachhinein über mich dachten. Über meine Gefühle für Sie war ich mir nicht sonderlich im Klaren, doch hatte ich, der ich eher Sensor bin als Macher, Ihre Gefühle für mich ganz klar zu sehen gemeint. Ihr K.

– Justinian Belisar (© 2017)

(50 Wörter)

Bereits beliebt

•1. September 2017 • Schreibe einen Kommentar

Beiträge: 23
Abonnenten: 5744
Abonniert: 20
Süßes japanisches Maderl, ca. 17 Jahre alt, das unter anderem gern beim Essen Selfies macht und diese sofort hochlädt. Bevorzugt Klöße, Suppen, Eis-Creationen, idyllische Orte, Brücken, Sonnenuntergänge im Hintergrund, Eulen, Ausblicke auf Meere und Seen, Straßenszenen, japanische Kleidung.
Vielversprechender Stern am Himmel von Instagram.

– Cora Ebenezar (© 2017)

(50 Wörter)

Der Honigmond

•14. März 2017 • Schreibe einen Kommentar

Paris, Madrid, Venedig, Rom, London, Stonehenge, Berlin, Moskau, können wir nur einmal im Leben machen, alles was gesehen muss muss dabei sein, Heidelberg, Neuschwanstein, Monaco, Oberammergau, München, Pisa, Florenz, Barcelona, an jedem Ort Selfies fürs virtuelle Album, Sprünge per Flieger, Lissabon, Kopenhagen, Istanbul, Stockholm nicht, Schweden doch nicht so wichtig.

– Cora Ebenezar (© 2017)

50 Wörter

Der Schauspieler Fabian Krötz zu seiner abgerissenen Rolle

•21. Dezember 2016 • Schreibe einen Kommentar

“Da sehen Sie mich in meiner bekannten abgerissenen Rolle – ich habe vor einem Monat meine Frau verloren, weil sie mit meinem seit drei Jahren verwitweten Schwager davonlief, dann habe ich vor zwei Wochen meine beiden Kinder durch einen Autounfall verloren – sie saßen zu zweit vorne neben dem mir bis dahin unbekannten Fahrer in einem altersschwachen Fiat Ducato, und alle drei wurden an einer grünen Ampel durch einen Querschläger getötet, der durch die rote Ampel fuhr. Die Arbeit habe ich vor längerer Zeit durch den Selbstmord meines Chefs verloren, seither spreche ich mehr oder weniger regelmäßig beim Arbeitsamt vor. Außerdem habe ich vor zweieinhalb Jahren meinen Großvater und vor anderthalb Jahren gleichzeitig meinen Vater und meine Mutter aufgrund von Kohlenmonoxidvergiftung verloren. Nur um zu verdeutlichen, was es mit dieser abgerissenen Rolle auf sich hat. Ich trinke viel, ich esse wenig, ich rauche kettenmäßig. Ich dusche kaum noch, Deo ist out. Sie können sich vorstellen, wie das riecht. Ich wechsle kaum die Kleider, habe auch niemand, der sie wäscht. Die Putzfrau, Afghanin, wurde ausgewiesen. Der Postbote ebenfalls. Eine äußerst klamme Lage, meine Damen und Herren, und definitiv Anlass zur Abgerissenheit dieser Rolle. Da ist das Foto. Irgendwelche Fragen, meine Damen und Herren?”

– Justinian Belisar (© 2016)

(200 Wörter)

11 Einkäufe

•22. August 2016 • 1 Kommentar

Montag war Madeleines Tag für Einkäufe, denn am Samstag erledigten zu viele andere Leute ihre Einkäufe. Mit fünf Taschen für ihre Einkäufe ausgerüstet, trat Madeleine den Weg an. Sie erledigte ihre Einkäufe immer in fünf Läden. Nachdem sie ihre Einkäufe erledigt hatte, war auch sie selbst stets erledigt. Mit einem Seufzer setzte sie die Taschen mit den Einkäufen vor dem Aufzug ab. Gott sei Dank gab es einen Aufzug, sonst hätte sie ihre Einkäufe auf zwei Tage aufteilen müssen. Für sperrige Einkäufe gab es Gott sei Dank ihren Nachbarn Marco und dessen Renault Mégane. In der Küche angekommen, stellte sie die Einkäufe vor dem Kühlschrank ab, da die meisten in den Kühlschrank kamen. Heute hatte sie € 98,58 für ihre Einkäufe ausgegeben. Von wegen keine Inflation! Lebensmittel wurden jeden Tag teurer. In ca. 10 Minuten brachte sie die Einkäufe im Kühlschrank und in den anderen Schränken unter. Effizienz! Wieder etwas geschafft.

– Erika Bedardi (© 2016)

(150 Wörter)

Die Autorin über diese Geschichte
Auslöser waren ein Einkauf zu Fuß in der prallen Augustsonne und Beobachtungen anderer Leute, die schwitzend ihre Einkaufstaschen schleppten sowie der Geistesblitz, in aller Kürze eine Art Oulipo-Übung zu schreiben, in der das Wort Einkäufe zehnmal vorkommen sollte. Letztendlich wurden es dann elf Einkäufe. Nur das Allerbanalste, Alltäglichste sollte Erwähnung finden. Ein bisschen wie in Raymond Queneaus Zazie dans le métro, obwohl das eher ein Vergleich zwischen einer Erbse und einem Kürbis ist.

 
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