Eigentlich ist hier alles kaputt

•11. September 2021 • Kommentar verfassen

“Hier ist eigentlich alles kaputt”, sagte Ottorino, langjähriger Pessimist und Misanthrop, indem er auf eine der zahlreichen Müllablagen zeigte, “aber jeder in der Nachbarschaft hat ein Auto, ein Handy neuester Machart, Geld für Drogen und zu Hause Internet für Sportsendungen, Pornos und so weiter. Und irgendwie funktioniert das auch meistens.”

– Pierpaolo Gucci (© 2021)

(50 Wörter)

Inbesitznahme

•3. Juli 2021 • Kommentar verfassen

Helma, Erich und Nachwuchs sind am Urlaubsziel eingetroffen.
“Was für ein schönes Zimmer! Ich kann’s kaum glauben.”
“Sieht so gut aus wie im Internet.”
“Ich teste gleich mal das Bett. Du weißt, ich kann weiche Betten nicht ausstehen.”
“Ich weiß! Und dicke Kopfkissen auch nicht.”
“Leider wieder zwei Matratzen. Hatten wir nicht französisch angekreuzt?”
“Herrliche Aussicht! So ein wunderbarer, sauberer Strand!”
“Und türkis glitzerndes Wasser.”
“Kaum Wellen. Da können sogar die Kinder schwimmen.”
“Mama! Da ist eine Baby-Badewanne im Bad!”
“Das ist ein Bidet, Isi. – Ich sehe keine zusätzliche Rolle Toilettenpapier. Das müssen wir unbedingt an der Rezeption melden, Erich.”

– Cora Ebenezar (© 2021)

(100 Wörter)

Foto von Johannes Beilharz.

Überholen

•11. April 2021 • Kommentar verfassen

“An diese Reise erinnere ich mich nicht besonders gut. Ich hatte damals einen kleinen roten Sportwagen, einen Lancia, und hatte Roberto, einen Typ, den ich ein paar Tage zuvor bei einer Konferenz im Tessin kennengelernt hatte, spontan zu einer Spritztour ohne Ziel nach Italien eingeladen. Oder vielleicht war er es, der die Idee gehabt hatte. Alles ging an den ersten zwei Tagen gut, bis sich dann zunehmend herausstellte, dass wir uns wenig zu sagen hatten und in fast nichts einer Meinung waren. Ich ging gern in einfache Restaurants, in denen die Mama kochte, er wollte immer irgendwas mit mindestens drei Sternen. Ich mochte kleine historische Nester und Strandspaziergänge, er möglichst große Städte und endlose Nächte und Suff in Diskos mit Abschleppen irgendwelcher Chiquititas. Aus diesem Ausflug machte dann jemand, ein Italiener, wenn ich mich recht erinnere, einen Film, der zu seiner Zeit viel Erfolg hatte. Als wir uns viele Jahre später per Zufall wieder über den Weg liefen, sagte mir Roberto, dass er die Geschichte einem Freund aus der Filmbranche erzählt hatte, der gemeint hatte, daraus ließe sich sicher etwas machen. Die Hauptrollen hatten Jean-Louis Trintignant und Vittorio Gassman. Auch diese hübsche belgische Schauspielerin, wie hieß sie noch? – damals war sie ziemlich bekannt –, spielte mit. Der Unfall mit Todesfolge, mit dem Streifen endet, war sicher ein Versuch, ein bisschen Dramatik in die ansonsten banale Geschichte zu bringen. Ereignet hat er sich jedenfalls in Wirklichkeit nicht. Ich bin zwar gern auf der Überholspur, aber Überholen in einer unübersichtlichen Kurve: nein danke.”

– Justinian Belisar (© 2021)

(250 Wörter)

Das Bild zeigt Jean-Louis Trintignant und Vittorio Gassman in einer Szene aus dem Film Il Sorpasso (deutscher Titel Verliebt in scharfe Kurven) von Dino Risi (1962), auf den in der obigen fiktiven Geschichte Bezug genommen wird.

Man nimmt immer einen Zug nach irgendwo

•17. Februar 2021 • Kommentar verfassen

Die Sonne schien an einem warmen Frühlingsmorgen in Nancy. Ich ging frohen Sinnes im Park spazieren. Das Lied On prend toujours un train pour quelque part lag mir auf den Lippen, ich sang es leise vor mich hin. Ein Mann auf einer Parkbank hörte mich, lächelte und sagte “Bravo, Gilbert!”. Ich verließ den Park durch eines der schmiedeeisernen Tore, weiterhin den Refrain singend. Das missfiel einem großen Hund mit gelblichem, pudelähnlichem Fell, der mir bellend immer näher kam. Er sprang hoch, mein Arm das Ziel seines zähnestrotzenden Gebisses. Ich sprang zurück – und stieß dadurch meine Freundin fast aus dem Bett.

– Jean de la Harpe (© 2021)

(100 Wörter)

Neues vom Guru

•13. Januar 2021 • Kommentar verfassen

“Das ist Hirn”, sagte der Guru.
“Ich esse kein –“
”Hirn und kein Herz”, setzte mich der Guru fort.
“Und keine Innereien”, vervollständigte ich mich selbst.
“Vegetarier schaffen es nicht weit”, sagte einer unter der Anhängerschaft.
Nun begann der Guru, mit einem Löffel die braune Soße des Hirnbratens auf meine saubere blaue Anzughose zu träufeln.
Ich versuchte sofort, mir seine Hand mit dem Löffel vom Leibe zu halten, doch war er erstaunlich stark. Die nassen braunen Flecken auf meinen Knien nahmen zu.
“Seht, seht – es ist ein Kampf des Willens!” rief eine Anhängerin.
Was wollte mir der Guru damit nun beibringen?

– Justinian Belisar (© 2021)

(100 Wörter)

Foto von Darius Bashar auf Unsplash

Ungenutzt

•17. Dezember 2020 • Kommentar verfassen

Das verstaubte Zimmer, das ich meist vergesse und fast niemals besuche, für das mir aber jeden Monat 150 Euro Miete abgebucht wird. Im Traum weiß ich, dass ich davon schon viele Male geträumt habe, dass es einer dieser wiederkehrenden Träume ist. Aber ist er Realität?, frage ich mich beim Aufwachen.

– Justinian Belisar (© 2020)

(50 Wörter)

Foto von Johannes Beilharz.

Ein Intelleller

•17. Juni 2020 • Kommentar verfassen

“Und wie hast du festgestellt, dass das ein Intelleller war?”
“Er hat circa zweieinhalb Stunden lang komplexe Syntax aus hauptsächlich mehrsilbigen Wörtern gebildet.”
“Aha.”
“Dabei ging es um die Subjektivierung von Objekten und die Objektivierung von Subjekten oder möglicherweise um beides oder keines von beiden.”
“Solides Thema, sehr politisch.”
“Echt?”

(50 Wörter)

– Cora Ebenezar (© 2020)

Auszeit

•27. Mai 2020 • Kommentar verfassen

“Was ist so schlimm, wenn ich mir von dir das wünsche, was sich in Jahrtausenden menschlichen Überlebens bewährt hat?”
Sie schenkte mir diesen fragenden Blick – mit leicht gehobener rechter Augenbraue –, den ich in den siebzehn Tagen unserer Bekanntschaft lieben gelernt hatte.
“Das ist nichts Schlimmes – an sich,” antwortete sie schließlich zögernd, “außer dass ich, auch wenn ich dich sehr mag – zu meiner eigenen Überraschung –, nicht sagen könnte, dass ich dich kenne – jedenfalls nicht genug, während du anscheinend schon unsere ungeborenen Kinder in meinen Augen siehst.”
“Ich schäme mich dessen nicht, was ich gesagt habe, Séraphine. Und ja, ich sehe sie klar vor mir: ein Mädchen namens Amanda und einen Jungen namens Akash.”
Dies war der Augenblick, in dem sie aufstand und mich im hellen Sonnenschein jenes Sonntagnachmittags an den Ufern der Seine verließ.
Erst Jahre später sah ich sie wieder, als wir uns ausgerechnet in Bangkok zufällig über den Weg liefen.
Die zweijährige Amanda und ich kamen sie besuchen, als sie Akash nach einer fast mühelosen Geburt in den Armen hielt. Sie sagte, “Ich weiß immer noch nicht, wie du dazu kamst, das in Paris alles vorauszusehen – so eine Frechheit! – aber wir könnten ja seinen Namen immer noch ändern, oder?”

– James Steerforth (© 2020)

(200 Wörter)

Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Beilharz. Das Original mit dem Titel Hiatus wurde in Six Sentences veröffentlicht.

Bembrotal

•18. November 2019 • Kommentar verfassen

Nun wurde mir geraten, Bembrotal zu nehmen. Im Hinterkopf hatte ich den vagen Gedanken, dies vielleicht irgendwann einmal zu tun, aber auf keinen Fall jetzt. Doch wurde ich sofort durchschaut, als ob man durch mich durchsähe wie durch Glas. Denn es wurde mir klargemacht, wie dringlich die Sache war. Ich wurde angefasst, geschubst. Diesem Drängen, dieser aufdringlichen Nähe fühlte ich mich hilflos ausgesetzt. Was konnte ich tun? Ich versuchte aufzustehen von dem niedrigen Stuhl, auf den man mich gesetzt hatte, doch brachte mich eine unmissverständliche Hand auf der Schulter dazu, den Versuch aufzugeben. Insbesondere war da einer, mir schien sein Name Benzinger zu sein, der stets mit lauter Bassstimme allem Nachdruck verlieh und immer beim Reden umherging, mich umkreiste. Auch eine zirpende Frauenstimme mit chinesischem Akzent redete auf mich ein. Es schien kein Auskommen zu geben vor der Einnahme dieses Bembrotals, von dem ich nur ahnte, was es anrichten konnte.

– Franz Klein (© 2019)

(150 Wörter)

Ein Interview mit dem Filmschauspieler Edwin F.

•21. Oktober 2019 • Kommentar verfassen

Kittie Halferdinger: Was sind die unangenehmsten Erinnerungen Ihrer Karriere?

E. F.: Dass ich in Der falsche Kuss ständig rauchen musste. Ich bin Nichtraucher und hasse Zigarettenrauch. Jede Art von Rauch. Ich musste sogar lernen, Rauchringe zu hauchen.

Kittie Halferdinger: Sicher traumatisch, aber die Rauchringe kamen sehr gut raus. Noch etwas Unangenehmes?

E. F.: In Wild-Bayern musste ich reiten, was ich an sich gern tue, aber in einer der Galoppszenen fiel ich vom Pferd und trug etliche Prellungen davon. Außerdem musste ich im selben Film Ursula G. küssen, und zwar leidenschaftlich mit Zungenaktion, wie es im Drehbuch stand. Eine hautnahe Bettszene in einem Zimmer mit lauter Hirschgeweihen gab es auch. Wurde in der Nähe von Bad Tölz gedreht. Wir können uns im Privatleben nicht ausstehen. Das ist ja, glaube ich, hinreichend bekannt.

Kittie Halferdinger: War mir zumindest nicht bekannt.

E. F.: Sie hatte gerade eine Affäre mit dem Regisseur und hätte es fast geschafft, mich aus dem Film rauszuekeln.

Kittie Halferdinger: Eine Ihrer bekanntesten Rollen.

E. F.: Seltsamerweise, ja.

Kittie Halferdinger: Welches ist unter den Filmen, in denen Sie gespielt haben, Ihr Lieblingsfilm?

E. F.: Der Kriegsfilm Helmand.

Kittie Halferdinger: Da haben Sie einen ziemlich unangenehmen Typ gespielt. Eher untypisch für Sie.

E. F.: Das war eine große Herausforderung, nicht nur schauspielerisch. Ich musste für die Rolle vierzig Kilo zunehmen, einen Bart wachsen lassen – ich kann Bärte nicht ausstehen – und eine Perücke tragen, die meinen Kopf verunstaltet hat.

Kittie Halferdinger: Aber Sie haben in der Biennale einen Preis als bester Hauptdarsteller gewonnen.

E. F.: Und bei den Dreharbeiten habe ich meine wunderbare jetzige Lebenspartnerin kennengerlent.

Kittie Halferdinger: Gigi Gaga. Wie gemunkelt wird, wird man Sie beide bald wieder zusammen in einem Film sehen.

E. F.: Ja, wir sind die Guten in einem Öko-Apokalypto-Thriller namens Sumazonas.

Kittie Halferdinger: Vielen Dank, Edwin F.

– Peter Neuberger (© 2019)

(300 Wörter)

 
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