Meine Nacht mit Audrey

•23. März 2022 • 1 Kommentar

“Wir sind alle älter geworden“, flüsterte sie mir ins Ohr.
Ich drehte den Kopf zu ihr hin. Sie sah mich mit diesem sonnig-heiteren Blick an, den man aus ihren Filmen kennt.
“Das passiert selbst den Besten”, sagte ich.
“Es fällt mir immer schwerer, mich zu erinnern”, sagte sie.
Darauf hatte ich nichts zu erwidern, doch das war auch nicht nötig, denn sie fuhr fort, “Kaum zu glauben – ich kann mich nicht einmal an den Namen meiner Katze erinnern.”
“Diese Katze hatte nie einen Namen. Das hast du selbst in Frühstück bei Tiffany gesagt.”
Ein verwunderter Blick aus diesen glänzenden Augen, dann ein Seufzer.
“Das stimmt natürlich. Aber selbst das hatte ich vergessen.”
Das war das Ausmaß meiner Nacht mit Audrey – zumindest das, woran ich mich erinnerte, als ich am Morgen aufwachte. Ich drehte meinen Kopf zu der Stelle, an der ihr Porträt an der Wand hing – leicht schief, ewig jung.

– Johannes Beilharz (© 2022)

(150 Wörter, Übersetzung aus dem Englischen von Johannes Beilharz)

Anmerkung des Autors
Dieses kleine Fantasiestück basiert auf dem Porträt der Schauspielerin Audrey Hepburn, das in meinem B&B-Zimmer hing und das ich am Morgen nach dem Traum fotografierte. In Frühstück bei Tiffany (1961) spielte Audrey Hepburn eine Frau namens Holly Golightly, die eine Katze hatte, deren Namen nur “Katze” lautete. Diese Katze wurde von dem Katzenstar Orangey gespielt.

Die Gasse der dunklen Läden

•24. Januar 2022 • Kommentar verfassen

Las ich doch ein Zitat von Patrick Modiano über die Côte d’Azur im Winter und dachte, ich könnte vielleicht etwas Modiano-Ähnliches schreiben. Hat der Typ übrigens nicht den Nobel für Literatur bekommen?

Gelesen von ihm habe ich nur Die Gasse der dunklen Läden. Von dieser Lektüre ist nichts geblieben als ein dunkles, undefiniertes Gefühl (also eher schwummrig) und eine Erinnerung an etwas Enttäuschung. Denn das Buch erfüllte das Versprechen des mysteriösen Titels, dessentwegen ich es gekauft hatte, nicht. Etwas Schwummriges, Undefiniertes, Dunkles hatte es allerdings schon, daran meine ich mich zu erinnern. Und auch ein undefiniertes Ende – eines dieser Enden, das einen mit an den Felsen geklammerten Händen über einem Abgrund hängen lässt.

Viel später entdeckte ich bei einem Spaziergang in Rom, dass es da eine Straße des Namens Via delle Botteghe Oscure gibt, in der es eigentlich nichts Besonderes gibt außer der Krypta Balbi, die in der Antike zum Theater des Balbus im mittleren Marsfeld gehörte und jetzt Teil des Römischen Nationalmuseums ist.

Wenn ich also etwas im Stile Modianos schreiben wollte, müsste es etwas mit einem vielsprechenden Titel sein und einem Inhalt, der mit dem Titel kaum etwas zu tun hat. Ich könnte dieses Prunkstück der Fiktion zum Beispiel Sonntag im August nennen und in der Antike auf dem Marsfeld spielen lassen, das als Schaf- und Pferdeweide Verwendung fand, wenn es nicht für Militärübungen genutzt wurde.

Wie wär’s mit einer Romanze zwischen einer Schafhirtin und einem Centurio mit dem Spitznamen Oscuro, nach dem später die Straße benannt wurde?

– Johannes Beilharz (© 2022)

(250 Wörter)

Gruppenbild mit Dame

•20. November 2021 • Kommentar verfassen

Das war so zustandegekommen: Wir waren bei einer dieser Oldtimer-Shows, die unser Klüngel besuchte, in Essen, glaube ich, – wir waren alle Autonarren – Bodo, Uli, Schrödi, Kleves und ich, Harry – mit einer Vorliebe für alte Käfer. Nur dass diesmal auch Henrietta, Heins neueste Flamme, mit dabei war. Bei einem roten Opel Kapitän, der nur so vor Chromteilen blitzte und in der prallen Sonne, als wäre er selbst eine Sonne, holte Hein seine alte Polaroid aus der Tasche und gab sie mir, damit ich ein Foto machen sollte. Es gab Ärger wegen dieses Fotos, da Henrietta fand, sie sähe etwas alt aus in dem, was die Kamera ausgespuckt hatte. Kleves machte eine seiner spöttischen Bemerkungen (“Na, wie fünfzehn siehste wirklich nich aus!”), was Henrietta noch mehr erboste, so dass sie uns der Reihe nach mit einem Blick ansah, der getötet hätte, wenn Blicke töten könnten, und dann mit den Worten “Ihr mit euren blöden Blechkisten seid sowas von – ich weiß nicht was!” wegstürmte. In dem Bild steht Henrietta in der Mitte. Hein drückt ihr von der Seite einen Kuss auf die Wange. Nach dieser Episode sahen sich die beiden ein paar Wochen nicht, trafen einander später aber irgendwo auf einem Fest und machten Frieden. Zogen in Heins Wohnung zusammen, heirateten ein Jahr später und mieteten zur Hochzeit den roten Opel. Das Gruppenbild mit Dame hängt gerahmt in Heins Arbeitszimmer und ist inzwischen fast völlig verblichen. Aber ich könnte schwören, dass Henrietta auch heute noch mit einem schnippischen Blick an diesem Foto vorbeigeht.

– Harry Stanton (© 2021)

(250 Wörter)

Neues vom Büttel

•20. Oktober 2021 • Kommentar verfassen

“Den Büttel hab ich satt, liebe Freundin! Keine Vorwürfe, bitte! Der hat mich heute zweimal gekratzt – mit voller Absicht. Der kriegt morgen nichts zum Fressen, da kann er mich anbetteln und traurige Augen machen solange er will. Der bleibt in der Dusche eingesperrt. Keine Aufmerksamkeit. Keine Leckerli. Schluss aus miau!”

– Johannes Beilharz (© 2021)

(50 Wörter)

Anmerkung
Beruht zwar auf beobachteten Tatsachen, ist aber maßlos übertrieben und wird ausdrücklich nicht zur Nachahmung empfohlen.

Eigentlich ist hier alles kaputt

•11. September 2021 • Kommentar verfassen

“Hier ist eigentlich alles kaputt”, sagte Ottorino, langjähriger Pessimist und Misanthrop, indem er auf eine der zahlreichen Müllablagen zeigte, “aber jeder in der Nachbarschaft hat ein Auto, ein Handy neuester Machart, Geld für Drogen und zu Hause Internet für Sportsendungen, Pornos und so weiter. Und irgendwie funktioniert das auch meistens.”

– Pierpaolo Gucci (© 2021)

(50 Wörter)

Inbesitznahme

•3. Juli 2021 • Kommentar verfassen

Helma, Erich und Nachwuchs sind am Urlaubsziel eingetroffen.
“Was für ein schönes Zimmer! Ich kann’s kaum glauben.”
“Sieht so gut aus wie im Internet.”
“Ich teste gleich mal das Bett. Du weißt, ich kann weiche Betten nicht ausstehen.”
“Ich weiß! Und dicke Kopfkissen auch nicht.”
“Leider wieder zwei Matratzen. Hatten wir nicht französisch angekreuzt?”
“Herrliche Aussicht! So ein wunderbarer, sauberer Strand!”
“Und türkis glitzerndes Wasser.”
“Kaum Wellen. Da können sogar die Kinder schwimmen.”
“Mama! Da ist eine Baby-Badewanne im Bad!”
“Das ist ein Bidet, Isi. – Ich sehe keine zusätzliche Rolle Toilettenpapier. Das müssen wir unbedingt an der Rezeption melden, Erich.”

– Cora Ebenezar (© 2021)

(100 Wörter)

Foto von Johannes Beilharz.

Überholen

•11. April 2021 • Kommentar verfassen

“An diese Reise erinnere ich mich nicht besonders gut. Ich hatte damals einen kleinen roten Sportwagen, einen Lancia, und hatte Roberto, einen Typ, den ich ein paar Tage zuvor bei einer Konferenz im Tessin kennengelernt hatte, spontan zu einer Spritztour ohne Ziel nach Italien eingeladen. Oder vielleicht war er es, der die Idee gehabt hatte. Alles ging an den ersten zwei Tagen gut, bis sich dann zunehmend herausstellte, dass wir uns wenig zu sagen hatten und in fast nichts einer Meinung waren. Ich ging gern in einfache Restaurants, in denen die Mama kochte, er wollte immer irgendwas mit mindestens drei Sternen. Ich mochte kleine historische Nester und Strandspaziergänge, er möglichst große Städte und endlose Nächte und Suff in Diskos mit Abschleppen irgendwelcher Chiquititas. Aus diesem Ausflug machte dann jemand, ein Italiener, wenn ich mich recht erinnere, einen Film, der zu seiner Zeit viel Erfolg hatte. Als wir uns viele Jahre später per Zufall wieder über den Weg liefen, sagte mir Roberto, dass er die Geschichte einem Freund aus der Filmbranche erzählt hatte, der gemeint hatte, daraus ließe sich sicher etwas machen. Die Hauptrollen hatten Jean-Louis Trintignant und Vittorio Gassman. Auch diese hübsche belgische Schauspielerin, wie hieß sie noch? – damals war sie ziemlich bekannt –, spielte mit. Der Unfall mit Todesfolge, mit dem Streifen endet, war sicher ein Versuch, ein bisschen Dramatik in die ansonsten banale Geschichte zu bringen. Ereignet hat er sich jedenfalls in Wirklichkeit nicht. Ich bin zwar gern auf der Überholspur, aber Überholen in einer unübersichtlichen Kurve: nein danke.”

– Justinian Belisar (© 2021)

(250 Wörter)

Das Bild zeigt Jean-Louis Trintignant und Vittorio Gassman in einer Szene aus dem Film Il Sorpasso (deutscher Titel Verliebt in scharfe Kurven) von Dino Risi (1962), auf den in der obigen fiktiven Geschichte Bezug genommen wird.

Man nimmt immer einen Zug nach irgendwo

•17. Februar 2021 • Kommentar verfassen

Die Sonne schien an einem warmen Frühlingsmorgen in Nancy. Ich ging frohen Sinnes im Park spazieren. Das Lied On prend toujours un train pour quelque part lag mir auf den Lippen, ich sang es leise vor mich hin. Ein Mann auf einer Parkbank hörte mich, lächelte und sagte “Bravo, Gilbert!”. Ich verließ den Park durch eines der schmiedeeisernen Tore, weiterhin den Refrain singend. Das missfiel einem großen Hund mit gelblichem, pudelähnlichem Fell, der mir bellend immer näher kam. Er sprang hoch, mein Arm das Ziel seines zähnestrotzenden Gebisses. Ich sprang zurück – und stieß dadurch meine Freundin fast aus dem Bett.

– Jean de la Harpe (© 2021)

(100 Wörter)

Neues vom Guru

•13. Januar 2021 • Kommentar verfassen

“Das ist Hirn”, sagte der Guru.
“Ich esse kein –“
”Hirn und kein Herz”, setzte mich der Guru fort.
“Und keine Innereien”, vervollständigte ich mich selbst.
“Vegetarier schaffen es nicht weit”, sagte einer unter der Anhängerschaft.
Nun begann der Guru, mit einem Löffel die braune Soße des Hirnbratens auf meine saubere blaue Anzughose zu träufeln.
Ich versuchte sofort, mir seine Hand mit dem Löffel vom Leibe zu halten, doch war er erstaunlich stark. Die nassen braunen Flecken auf meinen Knien nahmen zu.
“Seht, seht – es ist ein Kampf des Willens!” rief eine Anhängerin.
Was wollte mir der Guru damit nun beibringen?

– Justinian Belisar (© 2021)

(100 Wörter)

Foto von Darius Bashar auf Unsplash

Ungenutzt

•17. Dezember 2020 • Kommentar verfassen

Das verstaubte Zimmer, das ich meist vergesse und fast niemals besuche, für das mir aber jeden Monat 150 Euro Miete abgebucht wird. Im Traum weiß ich, dass ich davon schon viele Male geträumt habe, dass es einer dieser wiederkehrenden Träume ist. Aber ist er Realität?, frage ich mich beim Aufwachen.

– Justinian Belisar (© 2020)

(50 Wörter)

Foto von Johannes Beilharz.

 
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