Ein ungeklärter Kurzfilm

•12. Mai 2016 • 4 Kommentare

Die Straßen von Rom (Via Joyce)

Eine Großstadtvorstadt. Vielleicht Italien, vielleicht Rom. Eine schmale, löchrige Straße mit Grünstreifen und Bäumen in der Mitte, auf beiden Seiten achtstöckige Wohnblocks, gebaut ca. 1985, mit Gebrauchsspuren.

Kamera auf Adrian in der aufgeräumten, etwas leer und unbenutzt anmutenden Küche seiner Wohnung im fünften Stock des Wohnblocks links.

Er schaut auf die Armbanduhr, dann die Küchenuhr. Öffnet die Tür zum Balkon, geht hinaus und ans Geländer.

Blick auf die Balkone des gegenüberliegenden Wohnblocks. Zoom auf den Balkon direkt gegenüber. Nach kurzer Zeit geht die Tür zu diesem Balkon auf und eine Frau im Morgenmantel mit duschnassem Haar tritt heraus.

Unser Held beobachtet die Frau.

Die Frau betastet die Erde eines Blumenkastens, holt auf der linken Ecke des Balkons eine Gießkanne und gießt nacheinander alle vier Blumenkästen.

Sie stellt die Gießkanne wieder an ihren Platz, kommt zurück zum Geländer und schaut. Es könnte sein, dass sie auch Adrian anschaut.

Sie zupft sich kurz das Haar zurecht. Sie verlässt den Balkon, schließt die Tür und lässt die Rollos von Tür und Fenster herab.

Fokus auf Adrian, der weiterhin am Geländer seines Balkons steht. Seine Hände sind am Geländer verkrampft. Blick in sein Gesicht – seine Züge arbeiten, er hat Tränen in den Augen.

Ende.

– Nicole Weiß (© 2016)

(200 Wörter)

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Die Kurzversion vom Spiel der Throne

•28. März 2016 • Schreibe einen Kommentar

Schwertergeklirr. Intrigen. Kinderreichtum. Sex.
Kleine Drachen mit Menschenmutter.
Mehr Sex, diesmal mit einem Zwerg und etlichen Teilnehmerinnen.
Spritzendes Blut. Durchschnittene Kehlen.
Schwertergeklirr. Intrigen. Mord. Liebe überwindet alles. Oder doch nicht? Sex.
Zauberei. Die Drachen werden größer.
Sex. Einer, der durch andere sehen kann.
Eine ganze Familie nach und nach ausgelöscht. Wie bei Shakespeare.
Wieder mal Sex. Schwertergeklirr.
Gefasel um Schicksal. Inzest. Ein Paar freut sich auf die Nachkommenschaft.
Wird bei einer Hochzeit zur Strafe getötet durch Armbrustschützen, die reinste Maschinengewehrarbeit leisten.
Zynische alte Hurenböcke.
Erweiterte Familienpolitik. Jungfrauen geopfert auf dem Alter der Politik.
Sex. Schwertergeklirr. Intrigen. Unglaublicher Mut. Abgrundtiefe Feigheit.
Ein Adler, dessen Flug irgendwas ankündigt.
Sex. Schwertergeklirr.
Die weiße Mauer. Böse rotäugige Geister.
Sex und Verrat.
Violinengeschrammel. Kampflärm.
Nackte Brüste, nackte Hintern, nackte Vordern.
Schwertergeklirr. Pferdegewieher. Kampfhandlungen, manche im Bett.
Böse Leute, gute Leute, komplexe Leute. Manche, die nach Machtantritt böse werden. Manche werden plötzlich gut.
Arm ab.
Schwertergeklirr. Pferdegewieher. Sex.
Genuschel in einer erfundenen Sprache, die wie Rumänisch klingt, mit Untertiteln.
Special Effects.
Schwertergeklirr. Pferdegewieher. Dreier- und Fünfersex.
Mittelalter mit Mehrwert. Und so weiter. So wie es garantiert nie war.
Viel aufregender.
Spritzendes Blut. Schwertergeklirr. Zur Abwechslung wieder Sex.
Und so weiter. Jahrelang.
Schwertergeklirr. Sex. Blutverguss. Unglaublich beliebt.

– Justinian Belisar (© 2016)

(200 Wörter)

Männersonntagsgespräche ca. 1963

•11. März 2016 • Schreibe einen Kommentar

Ford 15m Weltkugel

– Wie war die Fahrt?
– Lief wie geschmiert. Wenig Verkehr. Richtiges Feiertagswetter, kein Regen und kaum Sonntagsfahrer. Hab den Ausflug richtig genossen mit dem neuen Gebrauchten.
– Wieder ein Ford?
– Ja, 15m.
– Der mit der Weltkugel?
– Stimmt.
– Den hat auch Herr Belke, der Mann mit dem Reformhaus auf Rädern. Kommt übrigens aus eurer Stadt.
– Kenn ich nicht. Lotte und ich haben’s nicht so mit Reformwaren. Aber Marianne war ja dafür schon immer zu haben. Als Vegetarierin. – Und du, immer noch die Isabella?
– Ja, die steht in der Garage. Schade, dass es Borgward nicht mehr gibt.
– Wie?
– Ging letztes Jahr bankrott.
– Ach herrje.

– Johannes Beilharz (© 2016)

(100 Wörter)

Warum bist du nur so unpersönlich?

•13. Februar 2016 • Schreibe einen Kommentar

Jade (Foto von Johannes Beilharz, 2016)

Die ihr überreichten Blumen lösten wenig Freude aus. Von einer grellen Lampe beleuchtet waren sie betrachtet worden nach den heftigen Worten. Die ausgelöst worden waren von Misstrauen, Verschlossenheit, der Unmöglichkeit, aus sich hinaus zu schauen und den Blickwinkel in das Innere einer anderen Person zu verpflanzen. Eine schwache Entschuldigung also.

– Justinian Belisar (© 2016)

(50 Wörter)

2015 im Rückblick

•30. Dezember 2015 • Schreibe einen Kommentar

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2015 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Die Konzerthalle im Sydney Opernhaus fasst 2.700 Personen. Dieses Blog wurde in 2015 etwa 19.000 mal besucht. Wenn es ein Konzert im Sydney Opernhaus wäre, würde es etwa 7 ausverkaufte Aufführungen benötigen um so viele Besucher zu haben, wie dieses Blog.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Ad inspirationem T. B.

•11. November 2015 • Schreibe einen Kommentar

Da hatte er mir also in einem fort erzählt vom Sitzengelassenwerden in seiner Jugend, von der Lungensache, derentwegen er Jahre in Sanatorien verbrachte, und das alles, das war offensichtlich, weil er mich attraktiv fand, obwohl mir angesichts seiner öffentlich proklamierten Asexualität nicht klar war, was es damit auf sich hatte. Er sprach über alles, auch ausführlich und ausschweifend über seinen Hass auf alles Österreichische, den er trotz seines unglaublichen schriftlichen Umfangs mit einem kurzen Winken seiner Hand als Auslassungen einer Kunstfigur als nebensächlich abtat. Der wirkliche Mensch sei nur im Erzählten eines Zuhörenden zu finden und letztlich nur im Tode.

– Nicole Weiß (© 2015)

(100 Wörter)

Im Fleische

•13. Oktober 2015 • Schreibe einen Kommentar

Obatzda

Du sollst dir kein Bild machen.
– Papa Werz im Gymnasium über Max Frischs Andorra

Es ist seltsam, wie eine persönliche Begegnung mit jemand, den man längere Zeit unpersönlich aus einem sogenannten sozialen Netz “gekannt” hat, einen Eindruck radikal verändern kann. So hatte ich zwar einem kleinen Schwarzweißfoto entnehmen können, dass dieser Bildermacher groß und stämmig sein musste und wahrscheinlich eine tiefe, weit tragende Stimme haben würde, was sich als richtig herausstellte – nichts hatte mich jedoch darauf vorbereitet, dass er in kürzester Zeit mit derartigem Heißhunger einen ganzen Teller stinkenden Obatzda mitsamt Zwiebeln vertilgen würde. Allein vom Gedanken an den vermutlichen Geruch seines Mundes wurde mir übel. Die Filme würde ich mir nochmals ansehen müssen.

– Erika Bedardi (© 2015)

100 Wörter

 
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