Franz Kafka / Das nächste Dorf

•28. Dezember 2012 • Hinterlasse einen Kommentar

Mein Großvater pflegte zu sagen: “Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, dass ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, dass – von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen – schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.”

– Franz Kafka (1883-1924)

63 Wörter … Kafka wusste nichts von den hier geltenden Wortregeln.

Rotkäppchen und der böse Wolfgang

•23. November 2012 • 1 Kommentar

“Und überhaupt – wer trägt heut schon noch so einen Fummel?”
Rotkäppchen schaute beschämt und errötend auf seine roten Schuhe. Ja, auch sie waren rot.
Die Oma hatte es eben mit ihrer Witwenrente von Opa, der nur Kellner gewesen war, nicht eben dicke.
“Geh mit mir in die Stadt, du blasses Ding, und ich zeig dir Sachen, von denen du keine Ahnung hast, kauf dir modischen Fummel!”
“Ist doch alles Quatsch,” kam es vehement aus dem sonst so scheuen Kind, “ich kenn dich doch, kenn deinen Typ!”
“Meinen Typ? Was soll das heißen?”
Wolfgang bleckte die weißen Zähne.
“Du bist ein Wolf! Und vor Jahren hättest du beinah die Oma verspeist!”
Und damit ließ Rotkäppchen das Körbchen mit der Götterspeise und den Katzenzungen für Oma fallen und rannte weg.
Wolfgang aber stand da und schüttelte den Kopf.
So eine Göre war ihm in seinem ganzen Leben als Aufreißer noch nicht untergekommen.

– Nicole Weiß (© 2012)

(150 Wörter)

Von Nicole Weiß stammt auch die Ultrakurzgeschichte Rotkäppchen ist im Haus.

Abentheur einer Bhiene

•23. November 2012 • Hinterlasse einen Kommentar

in ihrer ihr eigenen Sprache festhgehalten

Flieg ich also gestern Abend in Rom, von weiß nicht mehr wo khommend & Wärme suchend, durch ein Gitter in ein Bad hinein & mache kreisend Erkhundung, setz mich dann über Kopf auf die Decke & putz mir die Beine vom Flugwind & Staub. Kömmt einer rein, erschrickt ob mir & flieht. Kömmt bald ein anderer, erkennt mich, der ich inzwischen an die Wand gewechslet bin, als Harmlos, nimmt aber trotzdem ein Thuch, um mich hochzuscheuchen. Ich weiche an die Decke aus, er gibt es auf. Heute morgen häng ich ganz ermatthet von der Decke, mein Endhe ist in Sicht, kömmt derselbe & haut mich mit einem gestreiften Handthuch zu Boden, wo ich auf dem Rücken lande, reicht mir dann aber einen Zipfel, den ich ergreufe, hebt mich hoch & schütthelt mich aus dem Gitterfenster hinaus gegen meinen klammernden Widerstand auf den Hünterhof. C’est la vie. Der Thod ist immer nah.

– James J. Cerbantes (2012)

Anmerkung des Authors
Nachdem Kafka aus der Süchtweise von Khäfern und Hünden geschrieben, lockhte es mich, in etwas barockher Weise aus der Sücht einer Bhiene zu schreiben.

(150 Wörter)

Du bist die Sahne in meinem Kaffee

•22. Oktober 2012 • Hinterlasse einen Kommentar

“Das ist Liebe”, malte sie zittrig mit dem HB-Bleistift um ein Uhr morgens am Tisch in der Essecke auf ein Blatt Papier, den Kopf mit den spärlichen grauen Haaren über die Lupe gebeugt, “die Sahne in meinem Kaffee, das Salz in meiner Suppe, das Segel meiner Liebesbarke, der Kapitän und die Mannschaft, der Spritzer Tabasco auf meinen Spaghetti, deine Hand in meiner unter den Linden”, während Olaf im Schlafzimmer am anderen Ende der Wohnung wändeerschütternd an seinem neunzigjährigen Traum sägte. “Du wirst mir immer notwendig sein, ohne dich wäre ich verloren. Das ist Liebe”, und unterstrich es mit drei Wellenlinien.

– Justinian Belisar (© 2012)

100 Wörter

Der Schiffskoch, ein Gefangener, erzählt

•4. Juli 2012 • Hinterlasse einen Kommentar

Nach wochenlangem drückendem Liegen im Hafen von Al-Jazair lief unsere Galeere im Verband mit weiteren Schiffen vor etlichen Tagen mit Endkurs auf Stambul aus, beladen mit etwas Ware, aber auch mit weiterem Laderaum für die üblichen räuberischen Absichten unseres berühmt-berüchtigten Flotillenchefs Cheireddin Barbarossa.
Endlich etwas Meeresbrise, auch wenn ich, als Koch im Schiffsbauch, von ihr fast gar nichts mitbekomme.
Am siebten Tag Aufregung – Sichtung eines venezianischen Verbandes. Dem Anschein nach Frachtschiffe, also Angriffsbefehl.
Aber da tauchen im Schatten der Frachter tückisch und schnell Kriegsgaleeren auf.
Mein türkisches Gefängnis wird von meinen eigenen Landsleuten in Brand geschossen.
Ach Venedig: Heimat, Freiheit!

– Johannes Beilharz (© 2005)

(100 Wörter)

Bemerkung des Autors
Diese Geschichte wurde ausgelöst von dem Gedicht Der Schiffskoch, ein Gefangener, singt von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929).
Cheireddin Barbarossa ist eine historische Gestalt.

Habe das Internet gelöscht

•5. Februar 2012 • Hinterlasse einen Kommentar

(Auszüge aus den Tagebuchnotizen des Archibald F. W. Schneiderle)

Habe das Internet gelöscht. Nichts mehr zu sehen.
Was wird das für Auswirkungen auf die Welt haben? Mache mir Sorgen.
Zum Frühstück zwei schlaffe Wecken (Brötchen, Semmeln oder Schrippen) von gestern und Kaffee, aber zu kalt, weil nicht gleich trinkbar. Zuerst zu heiß, dann Telefonanruf wegen Kaminfegen morgen, danach kalt.
Habe vor, wegen eines Sonderangebots heute zu Lidl zu gehen. (Sonderangebot gesehen, bevor ich das Internet löschte.) Jetzt ist gar nichts mehr da.
Schnürsenkel (hochdeutsch: Schuhbändel) gerissen. Verkürzt neu eingefädelt, geht so, bis ich neue kaufen kann. Die alten waren sowieso zu lang und gingen ständig auf, weil ich wegen ihrer Länge auf sie trat.
Leonie sagt, sie will nichts mehr mit mir zu tun haben, ich sei ein “pète-sec” (schreibt man das so?). Bin mir über die Bedeutung nicht klar. Hat mich früher schon “fuddy-duddy” genannt, das geht vielleicht in die gleiche Richtung. Kenne mich mit diesen Sprachen nicht so aus.
Leonie und ihre Übersetzer-Freunde! Die kriegen doch nichts auf die Reihe als groß angeben und wählerisch sein in vielen Sprachen. Insbesondere die Mexikaner missfallen mir wegen ihrer Flatterhaftigkeit. Aber mit denen geht sie immer aus, weil sie gut tanzen können. Soll sie sich halt einen von denen anlachen. Hatte ja schon längst den Verdacht, dass mit diesem Xavier was läuft.
Leonie schickte gerade eine SMS, dass es ihr leid tut! Ich sei doch ganz ok. Tränen ;;
Und das per SMS.
Was mache ich mit der Frau?
Liebe ich sie oder rede ich mir das nur ein?
Vorhin kam eine Drohung, weil ich das Internet gelöscht habe. Von einem Herrn Fesl per E-Mail. Es klang jedenfalls wie eine Drohung. Irgendwas von “würde mich nicht wundern, wenn dir in Kürze was passieren sollte”.
War auf Russisch, hab’s mir von Google übersetzen lassen.
Hallo! Heißt das, das Internet ist wieder da?
Gleich Leonie eine SMS geschickt, dass es wieder da ist. Sie muss das unbedingt wissen, weil sie es als als Übersetzerin braucht. Mehr als ihre sonstigen Wörberbücher.
Habe das jetzt auch alles getwittert. Funktionierte, obwohl Twitter meines Erachtens nicht zum Internet gehört.
Facebook schon eher, denke ich.
Twitter ist eher ein Zwitter.
Oder verstehe ich das falsch?

– Justinian Belisar (© 2012)

(365 Wörter)

Die Nacht der treibenden Koffer

•23. Juni 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

I can’t swallow at the thought of you in one of the suitcases floating by.
– Jae Rose

Natürlich sah ich dich nicht, denn der Koffer war geschlossen. Klar, dass da etwas Massiges drin war – er bewegte sich viel schwerfälliger als die anderen.

Wann bekommt man schon eine Herde Koffer zu sehen, die den Bach hinabtreibt? Ist nur möglich als Ergebnis eines Flugzeugabsturzes auf einem Feld, das Flugzeug auseinandergebrochen, Teile des Unterbauchinhalts in den Bach gefallen und fortgetragen. Weiße Klebebänder um die Griffe.

Nur dass ich natürlich wusste, dass in dem einen Koffer du drin warst. Der Koffer war mir bekannt. Das hatte ich ja so beauftragt.

Trotz dieses Wissens fiel mir das Schlucken schwer. Jemand, den man gekannt hat, wenn auch im übelsten Sinne, jetzt da drin eingequetscht. Leblos und starr. Kleidungsstücke mit totem Inhalt.

An der Geschichte stimmte auch etwas nicht – ein Flugzeugunglück hatte ich nicht in Auftrag gegeben. Die vielen anderen mit Toten! Das hatte ich gewiss nicht gewollt.

Warum klebten mir die Augen so?

– Johannes Beilharz (© 2011)

150 Wörter

Das Zitat stammt aus der Geschichte There’s Opulence Basie von Jae Rose und hat diese Geschichte überhaupt erst angeregt.

 
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