Die Nacht der treibenden Koffer

•23. Juni 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

I can’t swallow at the thought of you in one of the suitcases floating by.
– Jae Rose

Natürlich sah ich dich nicht, denn der Koffer war geschlossen. Klar, dass da etwas Massiges drin war – er bewegte sich viel schwerfälliger als die anderen.

Wann bekommt man schon eine Herde Koffer zu sehen, die den Bach hinabtreibt? Ist nur möglich als Ergebnis eines Flugzeugabsturzes auf einem Feld, das Flugzeug auseinandergebrochen, Teile des Unterbauchinhalts in den Bach gefallen und fortgetragen. Weiße Klebebänder um die Griffe.

Nur dass ich natürlich wusste, dass in dem einen Koffer du drin warst. Der Koffer war mir bekannt. Das hatte ich ja so beauftragt.

Trotz dieses Wissens fiel mir das Schlucken schwer. Jemand, den man gekannt hat, wenn auch im übelsten Sinne, jetzt da drin eingequetscht. Leblos und starr. Kleidungsstücke mit totem Inhalt.

An der Geschichte stimmte auch etwas nicht – ein Flugzeugunglück hatte ich nicht in Auftrag gegeben. Die vielen anderen mit Toten! Das hatte ich gewiss nicht gewollt.

Warum klebten mir die Augen so?

– Johannes Beilharz (© 2011)

150 Wörter

Das Zitat stammt aus der Geschichte There’s Opulence Basie von Jae Rose und hat diese Geschichte überhaupt erst angeregt.

Ein Geschenk

•14. Mai 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

Eine nahezu folkloristische Szene

“Hier, nimm diesen Kamm als Zeichen –”
Außer einem Würfel mit abgedroschenen Aphorismen zur Liebe auf allen Seiten hatte sie mir noch nie etwas geschenkt. Und wer verschenkt heute noch Kämme?
“Als Zeichen wovon? Als Zeichen deiner bestimmten unbestimmten Gefühle für mich?”
“Komm schon, komplizier nicht immer alles. Wie lang willst du noch damit rummachen? Ich habe dir doch von Anfang an gesagt, dass zwischen uns nichts möglich ist. Wieso will das nicht in deinen Schädel rein?”
“Es könnte Gift dran sein.”
“Wie bitte?”
“Der Kamm könnte vergiftet sein, wie im Märchen.”
“Und ich bin die böse Stiefmutter, wie?”

Sie warf den Kamm zu Boden und stampfte mit einem empörten Schwenken ihrer langen schwarzen Mähne davon.

Ich empfand fast etwas wie Stolz. Endlich war es mir gelungen, ihr ein heftiges Gefühl zu entreißen – selbst wenn es ein unnützes war und wahrscheinlich von sehr kurzer Dauer sein würde.

– Niebla (© 2011)

150 Wörter

Erweiterte deutsche Fassung einer ursprünglich englisch geschriebenen Ultrakurzgeschichte mit dem Titel A Gift.

Eine historische Romanze

•9. April 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

The role of women in history remains grossly underrated.
– Jennifer van Bain

Hildegard von B., der Kräuterheilkunde und anderer Kunde mächtig, wurde die erste Päpstin, die erste Leichenseziererin, die erste Bierdeckelsammlerin, die erste Gewürzhändlerin, die erste Herrin der Ringe und erste Draisinefahrerin. Ja, eigentlich war sie die Erfinderin der Draisine, die ursprünglich Hildegardine hieß. Sie züchtete das Getreide Kamut, war Ghostwriterin für “Ich zoch mir einen Valken” (im Urtext hieß es “Välkin”), die erste Frau auf dem Suezkanal und als Christabel Colon Entdeckerin des amerikanischen Kontinents. Als Margareta Pola konversierte sie unter einem bekannten männlichen Decknamen mit dem Sohn des Himmels und brachte die Nudel und den Litschiwein heim. Sie war Jesu Geliebte und Frau Magdalena, verkaufte als Jakobine ein Linsengericht an Esa und badete als Nofretete in Eselsmilch. Und in diesen ganzen historischen Inkarnationen hatte sie zahllose Liebhaber, Liebhaberinnen und Ehemänner, wurde vor geplanten Verbrennungen und Steinigungen wie durch ein Wunder gerettet und brachte Hunderte Kinder unter Schmerzen auf die Welt.

– Erika Bedardi ( © 2011 )

150 Wörter

Nachbemerkung der Autorin
Wie man in den Buchläden unschwer bemerken kann, gibt es inzwischen unzählige Bücher, oft auch bequem angeordnet auf speziellen Tischen, deren Hauptgestalten Frauen sind. Meist tragen diese Bücher leicht identifizierbare Titel, wie etwa Die Päpstin oder Die Gewürzhändlerin. Allen diesen heroischen Frauen und ihren unglaublichen Heldinnentaten ist diese meine historische Romanze gewidmet.

Dreimal Liebe

•8. Januar 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

Hussain spuckte auf das Kopfsteinpflaster – einmal, zweimal, dreimal. Das also war Liebe.

Mit seinem Geschenk war er zu Leilas Elternhaus gegangen, und zuerst wollte ihn Ali gar nicht hereinlassen. Als er sich dann fast gewaltsam an ihm vorbeidrängte und die Treppe hinauf ins Wohnzimmer stürmte, sah er sofort, warum man ihn hier nicht haben wollte: da stand Leila mit verzücktem Gesichtsausdruck neben einem Fremden und hob ihm gar den Mund zum Kuss entgegen.

Und wie hatte er sie und ihre Familie jahrelang unterstützt, war verlobt mit Leila – die ihn immer wieder vertröstet hatte. … Noch nicht, Hussain, ich möchte mir ganz sicher sein, so kurz nach dem Tode meines Vaters ist nicht der richtige Zeitpunkt, dränge mich nicht! Hatte das Gesicht weggedreht.

Und jetzt dieses Bild, das sich ihm eingebrannt hatte mit glühendheißer Scham. Wie kann man nur so ein Idiot sein? Monate-, jahrelang?

Liebe! Nochmals dreimal auf das Pflaster gespuckt!

– Surendra Sparsh (© 2011)

150 Wörter

}[ Stuttgart 21 ]{

•18. Oktober 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Hallo mein Schatz, bin bei der Demo mit den Freunden. Bin bei den Baumbeschützern. Bin bei den bekränzten Bäumen. Vollbringe tibetische Gebete unter Fähnchen. Woodstock das ich nicht kannte grüßt. Es ist ein Happening. Es ist Gesang der Freude schöner Kopfbahnhöfe. Es ist Skandieren, es ist Marschieren.

Es sind Zäune, es ist die Politik, die Polizei, es ist ein Stau. Es ist ein Wagen mit lautem Megaphon. Es ist ein Schuster und ein Mappus raus. Es ist ein Mann mit Toga, es ist ein Mann mit Maske. Es ist Gesang, es ist ein Wecker. Es geht ums Obenbleiben, es geht ums Runterwollen. Es ist ein Chaos. Es ist Wahrheit, es ist voller Lügen.

Es ist ein Wasserwerfer, es sind Stöcke, es sind Feuerkörper, es sind verletzte Augen, es sind Schilde, es ist ein Bannzaun um die Volksvertreter, es ist Tränengas. Es sind die Volkszertreter. Es sind die Haie, es ist ein neues Zentrum Kauf, es ist ein Platz für neue Nadelstreifen, für neue teure Mieten. Es ist der Fortschritt, es ist Zeitgewinn, es ist Gelaber.

Es ist ein weiß nicht wem man glauben kann. Es ist geheime transparente Gründe. Es ist ein Zweifelhaftes. Es ist ein Technophobes, es ist ein Technikgläubiges, es ist ein Gestriges, es ist ein Morgiges, es ist das Heutige, es ist viel Geld.

Es sind einhunderttausend oder fünfzigtausend. Es sind die einen oder anderen. Die einen mehr als die anderen, sagen sie, und die anderen mehr als die einen. Es sind die anderen, sagen die einen.

– Cora Ebenezar (© 2010)

250 Wörter

Cora Ebenezar lebt in Stuttgart und “kriegt das alles hautnah mit”. Sie bezeichnet sich als “eher unpolitisch, aber mit gesundem Misstrauen gegebenüber der Scheiße, die da von oben auf uns runterregnet”.

So haben wir nicht gewettet

•17. Oktober 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Da gehen wir also auf unsere zweite Hochzeitsreise, nach Abbruch ihrer Affäre mit Johnny, meinem Freund, die sie mir nach zwei Jahren notgedrungen, weil in flagranti in unserem Bett erwischt, gestanden hat. Und jetzt sehe ich sie beim Landurlaub auf dieser Karibik-Kreuzfahrt, wie sie mit Gel-im-Haar eng umschlungen am Baum lehnt und Speichel austauscht.

Gel-im-Haar fiel nachts auf dem Schiff die Treppe runter und brach sich das Genick. Und meine geliebte Lissi war nach einer durchzechten Gala-Nacht nicht mehr aufzufinden. Untröstlicher Ehemann. Dass ich schauspielerisch zu solcher Größe auflaufen würde!

Jetzt überlege ich, was Johnny, meinem lieben Freund, zustoßen könnte.

– Jim J. Thompson (© 2010)

Aus dem Englischen übersetzt von Surendra Sparsh.

100 Wörter

Die Spezialität des Hauses

•18. Juli 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Die Spezialität des Hauses ist Verwirrung.
Zu einem stolzen Preis – dem Ihres Lebens – erhalten Sie ein Fünf-Sterne-Menü mit unzähligen Gängen, das Ihnen garantiert die Suppe versalzen und die Zunge verschnalzen wird. Von der Wiege bis zum Grab.
Jeder Gang enthält auserlesene und sorgfältig gegarte bzw. ungegarte Zutaten aus sämtlichen Jahrhunderten Menschheitsgeschichte.
Zu nennen sind insbesondere biblische und unbiblische Ingredienzen wie Sünde und Nächstenliebe, Lust, Angst, Verdammnis, Gängelung, Manipulation, Ausbeutung, Verblendung, Kurzsichtigkeit, wissenschaftliche Selbstzufriedenheit und esoterische Unsicherheit.
Bei uns wird es Ihnen schmecken.
Das Allerbeste aber ist: Sie müssen keinen einzigen Schritt tun, Sie sind schon da, Sie wurden hier geboren.

– Johannes Beilharz ( © 2010 )

100 Wörter

Erinnerung schöner Tage

•1. Mai 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Die Sonne stand noch ziemlich hoch, als wir ankamen, aber ich ließ sogleich in die engen dunklen Gassen einbiegen. Ferdinand und seine Schwester saßen nebeneinander, als wir so lautlos hinglitten, und ihre Augen gingen über die alten Mauern, deren rote und graue Spiegelung wir zerteilten, über die Portale, deren Schwelle das Wasser bespülte, über die steinernen, feuchtglänzenden Wappen und die mächtig vergitterten Fenster. Wir fuhren unter kleinen Brücken durch, deren feuchte Wölbung dicht über unseren Köpfen war, über die kleine alte Frauen und ganz gebogene alte Männer hinhumpelten und nackte Kinder sich seitlich herabließen, um zu baden. Vor einem engen, stillen Platz ließ ich anlegen. Stufen führten zu einer Kirche. In den Mauern standen viele Steinfiguren in Nischen und traten in das Abendlicht vor . . . Die Geschwister wollten stehenbleiben, aber ich zog sie fort, hinter mir her, durch noch engere Gassen, in denen kein Wasser war, sondern Steinboden, endlich durch einen dumpfen finsteren Schwibbogen hinaus auf den großen Platz, der dalag wie ein Freudensaal, mit dem Himmel als Decke, dessen Farbe unbeschreiblich war: denn es wölbte sich das nackte Blau und trug keine Wolke, aber die Luft war gesättigt von aufgelöstem Gold, und wie ein Niederschlag aus der Luft hing an den Palästen, die die Seiten des großen Platzes bilden, ein Hauch von Abendrot. Die beiden Geschwister, die zum erstenmal dies sahen, waren wie in einem Traum. Katharina sah zur Rechten hin auf den Palast des Sansovin, diese Säulen, diese Balkone, Loggien, aus denen die Schatten und das Strahlende des Abends etwas Unwahrscheinliches machten – den stummen Anfang eines Festes, zu dem der Tag und die Nacht geladen waren; sie sah zur Linken den älteren Palast, dessen rote Mauern zu leben schienen, den phantastischen Turm mit der blauen Uhr, sie sah vor sich die märchenhafte Kirche, die Kuppeln, die ehernen Pferde hoch oben, die durchsichtigen, steinernen Gehäuse, in denen Gestalten standen, die goldenen Tore, das Innere geheimnisvoll leuchtend, und sie fragte immer wieder: »Ist dies wirklich? Kann dies wirklich sein?« Ferdinand eilte immer vorwärts: »Kommt noch etwas? Geht es noch weiter?« fragte er. Nun stand er und sah das offene Meer und Barken und Segel und Säulenportale, neue Kuppeln drüben, und den Triumph des Abends auf Wolken wie ferne Goldgebirge, jenseits der Inseln. Nun kehrte er sich um, uns zu rufen, da gewahrte er hinter sich die Wucht des Glockenturmes, pfeilgerade aufsteigend, daß das leuchtende Gewölbe droben vor ihm zurückzuweichen schien. »Ich will hinauf!« rief Ferdinand, der selten einen Turm, und wäre es einer Dorfkirche, unbestiegen ließ. Aber Katharina nahm ihn heftig an der Hand, daß er sich umwenden mußte, und mit ihren beiden Händen zeigte sie vor sich hin und blieb nicht stehen, sondern ging immer vorwärts gegen das Wasser, in dem ein Strom von goldenem Feuer sich über einem tiefen blauen, metallisch blinkenden Element hinzuwälzen schien. Ferdinand blieb neben ihr; nun waren sie nah dem Rande, die Männer in den Barken, die in dem blendenden, traumhaften Licht völlig schwarz aussahen, winkten ihnen; einer ruderte nahe heran, sie ließen sich zu ihm hinunter in das schwarze Boot und glitten hinaus in die Feuerstraße. Viele Barken waren draußen, und zwischen ihnen schnitten die finstern Segelboote durch, alles war beladen mit Leben, überall waren Gesichter, die sich einander entgegentragen wollten, und die Wege, die einander durchkreuzten, waren wie magische Figuren auf einer feurigen Tafel, und in der Luft flogen dunkle kleine Vögel, und auch ihre Wege waren solche Zauberfiguren. Ich mußte, wie ich so auf der Brücke stand und an dem glatten, uralten Stein mich überlehnte und draußen zwei Barken zueinander lenkten, jäh an Lippen denken, wie sie den langentwöhnten Weg zu geliebten Lippen leicht und traumhaft wiederfinden. Ich fühlte die schmerzliche Süßigkeit des Gedankens, aber ich schwamm zu leicht auf der Oberfläche meines Denkens, ich konnte nicht hinabtauchen, um zu erfahren, an wen ich im Innersten gedacht hatte; so traf mich der Gedanke wie ein Blick aus einer Maske, und mir war, als wär es Katharinens Aug, deren Mund ich noch nie geküßt hatte. Nun war alles in Feuer, hinter den Inseln die Wolken schienen in goldenen Rauch aufzugehen, der Geflügelte auf seiner goldenen Kugel glühte: ich begriff, es war nicht nur die Sonne dieses Augenblicks, sondern vergangener Jahre, ja vieler Jahrhunderte. Mir war, als könnte ich dies Licht nie mehr aus mir verlieren, ich wandte mich und ging zurück. Mädchen streiften an mir vorbei, eine stieß die andere und riß ihr das schwarze Umhängtuch von rückwärts herab; da sah ich ihren Nacken zwischen dem schwarzen Haar und dem schwarzen Tuch, das sie gleich wieder hinaufzog: aber das Leuchten dieses schmächtigen Nackens war ein Aufleuchten des Lichtes, das überall war, aber überall zugedeckt wurde. Die Halbkinder mit den Umhängtüchern waren gleich wieder verschwunden, wie Fledermäuse in einem Mauerspalt, und ein alter Mann kam vorbei, und im Tiefsten seiner Augen, die Augen eines traurigen alten Vogels waren, war ein Funken von Licht. Ohne es zu wollen, denn mir war zu wohl, als daß ich etwas gewollt hätte, ging ich nun im Kreis und trat wieder durch den Schwibbogen zurück auf den großen Platz, ging unter den Säulengängen hin. Aber das goldne Leben des Feuers war nicht mehr in der Luft, nur in den erleuchteten Läden, die überall waren, unter den dämmernden Säulengängen lagen Dinge, die leuchteten: da war der Laden eines Juweliers mit Rubinen, Smaragden, Perlen, kleinen an Schnüren und großen, die jede ihren Schimmer um sich hatte wie der Mond. Ich trat vor die Butike eines Antiquitätenhändlers, da lagen alte Seidenstoffe mit eingewebten Blumen aus Gold und Silber: in diesen Seiden war überall das Leben des Lichtes und ich weiß nicht was für eine Erinnerung an schöne Gestalten, von denen diese starren Hüllen in lebendigen Nächten abgefallen waren. Gegenüber war ein kleiner Laden, da funkelten blaue und grüne Schmetterlinge und Muscheln, besonders Nautilusmuscheln, die aus Perlmutter sind und die Form eines Widderhorns haben. Ich stand vor jedem Laden und ging hin und wieder von einem zum andern dieser Geschöpfe, aus denen das Leben des Lichtes auch bei Nacht nicht weicht, und ich war voll Lust, etwas dergleichen mit meinen Händen hervorzubringen, aus der gärenden Seligkeit in mir etwas zu bilden und es auszuwerfen. Wie die feurige, feuchte Luft eines Inselstrandes den funkelnden Schmetterling aus sich bildet, wie das Meer mit dem unter seiner Wucht begrabenen dämonischen Licht die Perle und den Nautilus bildet und sie auswirft, so wollte ich etwas bilden, das funkelte von der inneren Lust des Lebens, und es hinter mich werfen, wenn der unaufhaltsame und entzückende Sturz des Daseins mich dahinriß.Und ich fühlte wohl die dunkeln Kräfte, aber ich wußte noch nicht, was es war, das ich machen sollte. So ging ich zurück nach dem Gasthof, und mir fiel ein, daß ich mein Zimmer noch nicht gesehen hatte. Als ich die finstere Treppe hinaufstieg, kam eine junge Frau an mir vorbei. Sie war sehr groß, sie trug ein helles Abendkleid und Perlen um den bloßen Hals. Sie war eine von den Engländerinnen, die antiken Statuen gleichen. Wunderbar war der junge Glanz ihres fast strengen Gesichtes und der Schwung ihrer Augenbrauen, die geformt waren wie Flügel. Sie stieg hinunter an mir vorbei und sah mich an, weder flüchtig noch überlange, weder scheu noch allzu sicher, sondern ganz ruhig. Ihr Blick war einer Art mit ihrer Schönheit, die voll Gleichgewicht war, die mitten inne war zwischen der Anmut eines jungen Mädchens und dem allzu bewußten Glanz einer großen Dame. Sie hätte in einem Maskenspiel Diana spielen mögen, die von Aktäon überrascht wird, aber man hätte gesagt: Sie ist zu jung. Sie wartete unten und sah herauf, das fühlte ich mehr als ich es sah, und nun kam ihr Mann oder ihr Freund an mir vorüber, der auch jung, sehr groß und ein schöner Mensch war, mit dunklem Haar und einem Mund, der einst, wenn er älter wäre, aussehen würde wie der Mund einer römischen Imperatorenbüste, eines jungen Nero.

Ich lag auf dem Bette und war noch halb angekleidet und hörte durch die Tapetentür die Stimmen der beiden im Nebenzimmer. Unten tief plätscherte es leise, das war wohl der Laufbrunnen in der Gasse, nein, das war nicht die Dorfgasse, es war das Meer, das an den marmornen Stufen des Hauses leckte. Von ferne kamen die singenden Stimmen; sie mußten jetzt mit ihren lampionbehängten Barken drüben sein, drüben bei den Inseln, vielleicht waren sie ausgestiegen und hatten ihre Lampions in die Zweige des Klostergartens gehängt und saßen beieinander im Gras zwischen fünftausend blühenden Lilien und Rosmarinstöcken und sangen. Die Töne waren wie hochfliegende Vögel, so hoch, daß sie das Licht, das hinter der Welt hinabgestürzt ist, noch halten, bis es überall wieder zu leben angefangen. Nun erlosch das Singen, aber auf einmal tauchte es ganz nahe wieder auf, dunkeltönender, voller, wie der seelenvolle Laut eines Vogels war es, so nahe der menschlichen Sprache, menschlicher als die Sprache, getränkt mit dunklem, hervorquellendem Leben, nicht überlaut und doch ganz nahe bei mir. Dort hinter der Tapetentür war es: es war kein Singen, es war ja das leise, dunkeltönige Lachen dieser schönen großen Frau: o wie sie ganz in diesem Lachen gewesen war, ihr schöner hoher Leib, ihre gebietenden Schultern. Nun sprach sie: sie sprach mit dem, der ihr Mann war oder ihr Freund. Ich konnte nicht verstehen, was sie sprachen. Versagte sie ihm, um was er flüsternd bat? Sie durfte gewähren, sie durfte versagen, sie durfte alles. Es war solch ein schwellendes Gefühl ihres Selbst im Klang ihres halblauten Lachens. Nun ging daneben eine Tür und draußen auf dem Gang tönten Schritte. Dann war alles still. So war sie allein. Es war in diesem Augenblick herrlicher, von dieser Einsamkeit umspielt allein zu sein und neben ihr, als bei ihr. Es war eine Herrschaft über sie aus dem Dunklen. Es war Zeus, dem noch nicht eingefallen ist, daß er Amphitryons Gestalt wie einen Mantel um seine göttlichen Glieder schlagen kann und ihr erscheinen, die zweifeln wird und an ihren Zweifeln zweifeln und ihr Gesicht verwandeln unter diesen Zweifeln wie eine Welle. Aber das Dunkel wollte mich in sich hineinziehen, in ein schwarzes Boot, das auf schwarzem Wasser hinglitt. Nirgends mehr lebte das Licht als hier in der Nähe dieser Frau. Mein Denken durfte nicht ganz ins Dunkel fallen, sonst schlief ich auch: wie ein Sperber mußte es immer über dem Leuchtenden kreisen, über der Wirklichkeit, über mir und dieser Schlafenden. Wollust des Fremden, der kommt und geht . . . – so nährte sich mein Denken vom Leuchtenden und kreiste weiter – . . . die Anrechte des Herrn haben und doch fremd sein . . . So muß es diesem zumute sein, der heute nicht neben seiner Geliebten schlafen darf. So muß es sein. Kommen und Gehen. Fremd und daheim. Wiederkommen. Zuweilen kam Zeus wieder zu Alkmene. Auf Verwandlungen geht unsere tiefste Lust. Von dieser entzückenden Wahrheit brannte das Denken so hell wie eine lodernde Fackel. Nein, vier lodernde Fackeln, über jedem Bettpfosten eine. Es ist der alte finstre Fackelwagen, jetzt legen sich die Pferde ins Geschirr, es reißt mich hin in die Nacht. Ich muß liegen, stilliegen, wie ein Schlafender, denn es geht ja bergauf, hinauf ins Gebirg, auf steinernen Brücken über tosende Bäche, ganz hinauf ins alte Dorf. Hier geht der Bach still und tief zwischen den alten Häusern hin. Ich muß mich eilen: ich muß ja den Fisch fangen, eh der Morgen graut. Im Dunkel, wo das Mühlwasser am tiefsten und am reißendsten geht, oder dem Wehr, dort steht im Dunkel der große alte Fisch, der das Licht geschluckt hat. Stechen muß ich nach ihm mit dem Dreizack, so kann ich das Licht mit den Händen aus seinem Bauch nehmen. Das Licht, das er verschluckt hat, ist die Stimme der Schönen, nicht die Stimme, mit der sie spricht, sondern ihr geheimstes Lachen, womit sie sich gibt. Ich muß den Dreizack suchen, weiter oben am Bach, zwischen Wacholdergebüsch. Die Wacholder sind klein, aber sie sind mächtig, wenn sie so beisammenstehn: sie sind treu, das ist ihre Kraft. Wenn ich unter sie gerate, verwandle ich mich nie mehr. Ich will nur mit der Hand zwischen sie hinein nach dem Dreizack greifen, da zuckt etwas, das ist Katharinas noch nie geküßter Mund. So stehe ich wieder und getraue mich nicht. Aber ich bedarf ja auch dessen, was ich da suche, nicht mehr, denn es ist schon nahe dem Morgen. Ich höre Glocken und Orgeltöne. Sicherlich ist Kathi jetzt schon leise die Treppe hinunter und betet in der Markuskirche, betet wie ein Kind ein Lippengebet, träumt dann wortlos vor sich hin in der goldnen Kirche.

Es war ein Schlaf und immer ein neues Hinüberwachen in neue Träume, Besitzen und Verlieren. Ich sah meine Kindheit ferne wie einen tiefen Bergsee und ging in sie hinein wie in ein Haus. Es war ein Sichhaben und Sichnichthaben – Alleshaben und Nichtshaben. Es mischte sich Morgenluft der Kinderzeit und Ahnung des Totseins, die Weltkugel schwebte vorüber im blauen starren Licht, indes ein Toter tiefer und tiefer ins Dunkel sank, und dann war es eine Frucht, die mir entgegenrollte, aber meine Hand war zu kalt und steif, um sie zu fassen: da sprang ich selber als Kind unter dem Bett hervor, auf dem ich selber mit kalten, steifen Händen lag, und haschte danach. Aus jedem Traumbild schlugen wie aus Äolsharfen Harmonien heraus, ein Widerschein von Flammen fiel auf die weiße Decke, und der frühe Meerwind hob und bewegte das weiße Papier auf dem kleinen Tischchen. Abgefallen war der Schlaf, fröhlich berührten die nackten Füße den Steinboden, und aus dem Waschkrug sprang das Wasser mit eigenem Willen wie eine lebendige Nymphe. Die Nacht hatte ihre Kraft in alles hineingeströmt, alles sah wissender aus, nirgendmehr lag Traum, aber überall Liebe und Gegenwart. Die weißen Blätter leuchteten im vollen Morgenlicht, sie wollten mit Worten bedeckt sein, sie wollten mein Geheimnis haben, um mir dafür tausend Geheimnisse zurückzugeben. Neben ihnen lag die schöne große Orange, die ich abends hingelegt hatte; ich schälte sie und aß sie eilig. Es war, als lichtete ein Schiff die Anker und ich müßte hastig fortgehen in eine fremde Welt. Eine Zauberformel drängte und zuckte in mir, aber das erste Wort fiel mir nicht ein. Ich hatte nichts als die durchsichtigen farbigen Schatten meiner Träume und Halbträume. Wenn ich sie voll Ungeduld an mich heranreifen wollte, wichen sie zurück, und es war, als hätten die Wände und die sonderbar geformten altmodischen Möbel des Gasthofzimmers sie in sich gesogen. Das ganze Zimmer sah noch immer wissend aus, aber höhnisch und leer. Aber sogleich waren die Schatten wieder da, und indem ich mit dem Herzen gegen sie drängte und meinen Wunsch, der auf Treue und Untreue, auf Scheiden und Bleiben, auf Hier und Dort zugleich gerichtet war, gegen sie spielen ließ wie eine Zaubergerte, fühlte ich, wie ich wirkliche Gestalten aus dem nackten Steinboden vor mir ziehen konnte und wie sie leuchteten und körperliche Schatten warfen, wie mein Wunsch sie gegeneinander bewegte, wie sie ja um meinetwillen da waren und sich doch nur umeinander bekümmerten, wie mein Wunsch ihnen Jugend und Alter und alle Masken angebildet hatte und in ihnen sich erfüllte, und sie doch von mir abgelöst waren und eines nach dem anderen und jedes nach sich selber gelüsteten. Ich konnte mich von ihnen entfernen, konnte einen Vorhang vor ihr Dasein fallen lassen und ihn wieder aufziehen. Aber immerfort, wie die Strahlen der schrägen Sonne hinter einer üppigen Gewitterwolke auf eine fahlgrüne Gartenlandschaft fallen, sah ich, wie die Herrlichkeit der Luft, des Wassers und des Feuers gleichsam von oben her in schrägen, geisterhaften Strahlen in sie hineinströmte, so daß sie für mein geheimnisvoll begünstigtes Auge zugleich Menschen waren und zugleich funkelnde Ausgeburten der Elemente.

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Diese Kurzgeschichte von einem der ganz großen Stilisten der deutschen Literatur fügt sich nicht in das Längenschema dieser Seite ein.

Vergnügungslokal

•15. März 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Peter Altenberg

(in “Fechsung”, Berlin 1915)

Im “Tabarin” gaben die Herren an Blumen aus für das Fräulein Paula:

Lila gefüllte Nelken: 20 Kronen.

Ceriserote Rosenknospen: 30 Kronen.

Mimosa pudica, Büsche: 10 Kronen.

Weiß-grüne Schneeballen, Büsche: 10 Kronen.

“Der Diener soll mir s’ ins Auto nachtragen, gib ihm 3 Kronen! Aber vorn, daß die Leut’ es sehn!”

Am nächsten Morgen sagte das aschblonde wunderbare siebzehnjährige Küchenmädchen zu mir: “Schneeglöckerln gibt’s schon, Jessas, wie bei uns in ‘Steinhaus’, beim Waldsumpf, aber teuer sein s’ noch, 30 Heller das Büscherl!”

Peter Altenberg (1859-1919)

Eine “Ultrakurzgeschichte” von einem Meister des Genres.

Viele Kurzgeschichten bekannter und weniger bekannter Autoren

Die 1002. Nacht

•11. Februar 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Padma meinte, der frivole Witz mit dem Rettich und der Hofdame könne zu riskant sein für den Herrscher, der nicht gerade für seinen subtilen Sinn für Humor bekannt war.

Kamini beschloss jedoch, ihn trotzdem zu erzählen – würde sie doch am Abend ihren entzückend aufreizenden scharlachroten Sari mit grüner Stickerei tragen und irgendwann langsam und aufreizend ablegen.

Padma wälzte sich schlaflos im Bett hin und her, wurde aber endlich von ihrer Besorgnis erlöst, als in den frühen Morgenstunden Kaminis Klingelton – die ersten paar Takte des Titelliedes von Mohabbatein – erklang.

Dies war das verabredete Signal für “alles in Butter”.

Am nächsten Abend war Padma an der Reihe. Sie hatte sich bereits eine Geschichte ausgedacht – nicht zu lang, nicht zu schwierig, nichts mit Politik, Geschichte oder Gerechtigkeit, dafür aber mit viel Erotik. Gerade recht für einen Herrscher.

Sie gähnte sanft, nahm einen Schluck Rosenwasser aus der Karaffe und gab sich sorglosem Schlafe hin.

– Leonard Blumfeld ( © 2010 )

150 Wörter

Aus dem Englischen übersetzt und mit Genehmigung des Autors etwas umgeschrieben und erweitert von Surendra Sparsh.

Mohabbatein ist ein indischer Film aus dem Jahre 2000. Hauptdarsteller sind Amitabh Bachchan, Shah Rukh Khan und Aishwarya Rai.

 
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