Neues vom Guru

“Das ist Hirn”, sagte der Guru.
“Ich esse kein –“
”Hirn und kein Herz”, setzte mich der Guru fort.
“Und keine Innereien”, vervollständigte ich mich selbst.
“Vegetarier schaffen es nicht weit”, sagte einer unter der Anhängerschaft.
Nun begann der Guru, mit einem Löffel die braune Soße des Hirnbratens auf meine saubere blaue Anzughose zu träufeln.
Ich versuchte sofort, mir seine Hand mit dem Löffel vom Leibe zu halten, doch war er erstaunlich stark. Die nassen braunen Flecken auf meinen Knien nahmen zu.
“Seht, seht – es ist ein Kampf des Willens!” rief eine Anhängerin.
Was wollte mir der Guru damit nun beibringen?

– Justinian Belisar (© 2021)

(100 Wörter)

Foto von Darius Bashar auf Unsplash

Warum bist du nur so unpersönlich?

Jade (Foto von Johannes Beilharz, 2016)

Die ihr überreichten Blumen lösten wenig Freude aus. Von einer grellen Lampe beleuchtet waren sie betrachtet worden nach den heftigen Worten. Die ausgelöst worden waren von Misstrauen, Verschlossenheit, der Unmöglichkeit, aus sich hinaus zu schauen und den Blickwinkel in das Innere einer anderen Person zu verpflanzen. Eine schwache Entschuldigung also.

– Justinian Belisar (© 2016)

(50 Wörter)

Eine kleiner Verriss

Was diesen R. Würger betrifft, zu dem du mich fragst, so ist mein erster oberflächlicher Eindruck, dass er nicht ans Leben rangeht, dass er sich zu fein ist, sich die Hände, das Gefühl oder die Augen und Ohren schmutzig zu machen. Das gilt sowohl für seine Gedichte, von denen du mir ein paar geschickt hast, wie auch für die Fotos, für die du mir den Link geschickt hast. Er scheut sich davor, in die Knie zu gehen oder auf den Bauch zu legen, um das zu erfassen, was da wirklich vorhanden ist, was da Realität ist in voller brutaler Existenz.

– Justinian Belisar (© 2014)

(100 Wörter)

Du bist die Sahne in meinem Kaffee

“Das ist Liebe”, malte sie zittrig mit dem HB-Bleistift um ein Uhr morgens am Tisch in der Essecke auf ein Blatt Papier, den Kopf mit den spärlichen grauen Haaren über die Lupe gebeugt, “die Sahne in meinem Kaffee, das Salz in meiner Suppe, das Segel meiner Liebesbarke, der Kapitän und die Mannschaft, der Spritzer Tabasco auf meinen Spaghetti, deine Hand in meiner unter den Linden”, während Olaf im Schlafzimmer am anderen Ende der Wohnung wändeerschütternd an seinem neunzigjährigen Traum sägte. “Du wirst mir immer notwendig sein, ohne dich wäre ich verloren. Das ist Liebe”, und unterstrich es mit drei Wellenlinien.

– Justinian Belisar (© 2012)

100 Wörter

Habe das Internet gelöscht

(Auszüge aus den Tagebuchnotizen des Archibald F. W. Schneiderle)

Habe das Internet gelöscht. Nichts mehr zu sehen.
Was wird das für Auswirkungen auf die Welt haben? Mache mir Sorgen.
Zum Frühstück zwei schlaffe Wecken (Brötchen, Semmeln oder Schrippen) von gestern und Kaffee, aber zu kalt, weil nicht gleich trinkbar. Zuerst zu heiß, dann Telefonanruf wegen Kaminfegen morgen, danach kalt.
Habe vor, wegen eines Sonderangebots heute zu Lidl zu gehen. (Sonderangebot gesehen, bevor ich das Internet löschte.) Jetzt ist gar nichts mehr da.
Schnürsenkel (hochdeutsch: Schuhbändel) gerissen. Verkürzt neu eingefädelt, geht so, bis ich neue kaufen kann. Die alten waren sowieso zu lang und gingen ständig auf, weil ich wegen ihrer Länge auf sie trat.
Leonie sagt, sie will nichts mehr mit mir zu tun haben, ich sei ein “pète-sec” (schreibt man das so?). Bin mir über die Bedeutung nicht klar. Hat mich früher schon “fuddy-duddy” genannt, das geht vielleicht in die gleiche Richtung. Kenne mich mit diesen Sprachen nicht so aus.
Leonie und ihre Übersetzer-Freunde! Die kriegen doch nichts auf die Reihe als groß angeben und wählerisch sein in vielen Sprachen. Insbesondere die Mexikaner missfallen mir wegen ihrer Flatterhaftigkeit. Aber mit denen geht sie immer aus, weil sie gut tanzen können. Soll sie sich halt einen von denen anlachen. Hatte ja schon längst den Verdacht, dass mit diesem Xavier was läuft.
Leonie schickte gerade eine SMS, dass es ihr leid tut! Ich sei doch ganz ok. Tränen ;;
Und das per SMS.
Was mache ich mit der Frau?
Liebe ich sie oder rede ich mir das nur ein?
Vorhin kam eine Drohung, weil ich das Internet gelöscht habe. Von einem Herrn Fesl per E-Mail. Es klang jedenfalls wie eine Drohung. Irgendwas von “würde mich nicht wundern, wenn dir in Kürze was passieren sollte”.
War auf Russisch, hab’s mir von Google übersetzen lassen.
Hallo! Heißt das, das Internet ist wieder da?
Gleich Leonie eine SMS geschickt, dass es wieder da ist. Sie muss das unbedingt wissen, weil sie es als als Übersetzerin braucht. Mehr als ihre sonstigen Wörberbücher.
Habe das jetzt auch alles getwittert. Funktionierte, obwohl Twitter meines Erachtens nicht zum Internet gehört.
Facebook schon eher, denke ich.
Twitter ist eher ein Zwitter.
Oder verstehe ich das falsch?

– Justinian Belisar (© 2012)

(365 Wörter)