Integrale und Rotationskörper

“Und wieso hast du wieder das Schwein rausgelassen?”
“Weil –”
“Die Gasrechnung ist längst überfällig, auch darum kümmerst du dich nicht.”
“Hatte ich vor.”
“Die Krümel vom Pandoro liegen auf der neuen Tischdecke.”
“Sind die –”
“Unterbrich mich nicht ständig.”
Schlucken.
“Glaubst du etwa, ich hätte das Mathe-Debakel vergessen? Wie du im ganzen letzten Halbjahr keine Aufgaben mehr gemacht hast, nicht mehr zugehört? Und das willst du jetzt ab Januar bis Mai nachholen?”
“Tschuldige, das liegt fast vierzig Jahre zurück!”
“Und keinen Fatz hast du seit November gemacht, als du mit dem Geschwafel angefangen hast.”
“Aber –”
“Unterbrich mich nicht! – Das Schwein hat mich eine halbe Stunde draußen in der matschigen Dunkelheit gekostet. Du weißt, wie kälteempfindlich ich bin. Die Krümel habe ich dir übriggelassen. Aber Fettflecken sind da. Du weißt, dass die Waschmaschine schon jetzt manchmal spinnt.”
“Hast du bereits –”
“Wir können uns momentan keine neue leisten, obwohl auch der üble Geruch nach Modrigem von ihr kommt.”
“Wer hat –”
“Schluss nun. Morgen fängst du mit Mathe an. Mit Integralen und Rotationskörpern.”
Wie war ich nur in diese Parallelwelt ausgebüchster Schweine und unbezahlter Rechnungen geraten? Ganz abgesehen von dieser formlosen Gewaltgestalt, die keine Widerrede duldete? Nicht einmal bei krassesten Unwahrheiten und überzogensten Anschuldigungen?

Johannes Beilharz (© 2015)

(200 Wörter)

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~ von ultrakurz - 6. Januar 2015.

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