Mauerblümchen

Bilder einer Gedichtlesung

Das Gedicht verhielt sich still und ruhig und seufzte nur dann und wann unmerklich.
“Kein Wunder,” mockierte sich ein anderes mit kräftiger lyrischer Stimme, die allerdings etwas Meckerndes hatte, “bei dir hat sich’s noch nicht herumgesprochen: leise Töne sind out!”
Einem der Zelebrierenden des Lyrikzirkels fiel ein Teller runter und zerbrach, und die russischen Eier und das Käsegebäck darauf zerstreuten sich im Umkreis.
“Tschuldigung,” sagte der Unachtsamkeitstäter mit betretener Miene. Ein stadtbekannter Lyriker.
“Brezeln wären doch besser gewesen,” tuschelte die Veranstalterin ihrem Partner, einem weiteren bekannten Lyriker, ins Ohr. “Passt besser zu Gedichten.”
Unser schüchternes Gedicht fühlte sich von dem allem in seiner Essenz bestätigt und wurde weiterhin nicht wahrgenommen.
Es lag da, auf weißem Papier gedruckt, auf dem Fenstersims. Das Gedicht daneben schrie meckernd und trotzdem nicht wahrnehmbar, “Jetzt bin bald ich dran! Die warten auf meine kühnen Kadenzen!”
Ja, alle sieben warteten. Bebend, bangend, aufgewühlt.

– Erika Bedardi (© 2014)

(150 Wörter)

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~ von ultrakurz - 29. Oktober 2014.

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