Ein Geschenk

Eine nahezu folkloristische Szene

“Hier, nimm diesen Kamm als Zeichen –”
Außer einem Würfel mit abgedroschenen Aphorismen zur Liebe auf allen Seiten hatte sie mir noch nie etwas geschenkt. Und wer verschenkt heute noch Kämme?
“Als Zeichen wovon? Als Zeichen deiner bestimmten unbestimmten Gefühle für mich?”
“Komm schon, komplizier nicht immer alles. Wie lang willst du noch damit rummachen? Ich habe dir doch von Anfang an gesagt, dass zwischen uns nichts möglich ist. Wieso will das nicht in deinen Schädel rein?”
“Es könnte Gift dran sein.”
“Wie bitte?”
“Der Kamm könnte vergiftet sein, wie im Märchen.”
“Und ich bin die böse Stiefmutter, wie?”

Sie warf den Kamm zu Boden und stampfte mit einem empörten Schwenken ihrer langen schwarzen Mähne davon.

Ich empfand fast etwas wie Stolz. Endlich war es mir gelungen, ihr ein heftiges Gefühl zu entreißen – selbst wenn es ein unnützes war und wahrscheinlich von sehr kurzer Dauer sein würde.

– Niebla (© 2011)

150 Wörter

Erweiterte deutsche Fassung einer ursprünglich englisch geschriebenen Ultrakurzgeschichte mit dem Titel A Gift.

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~ von ultrakurz - 14. Mai 2011.

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