Justitia

Die Freundin auf dem Motorrad

Mein Freund Monish, Geschäftsführer einer Steuerkanzlei, hatte einen Tipp bekommen und setzte sofort das IT-Team auf die Computer der suspekten Abteilung an. Innerhalb weniger Stunden waren die Festplatten gefunden, von denen die Klientendaten kopiert worden waren. Bei der Polizei wurde unverzüglich ein First Incident Report eingereicht. Fünf junge Mitarbeiter wurden ohne Gehaltsfortzahlung vorläufig suspendiert, mussten sich täglich im Revier melden und durften die Stadt nicht verlassen.

“Einfach so? Ohne weitere Beweise?”
“So ist das in Indien. Du bist schuldig, bis du den Nachweis erbringst, dass du unschuldig bist.”
“Und sind alle fünf daran beteiligt?”
“Wahrscheinlich nur einer oder zwei. Die anderen kriegen danach eine volle Gehaltsnachzahlung und arbeiten weiter. Inzwischen muss ich mich mit zahlreichen Elternteilen herumschlagen, die Zeter und Mordio schreien. – Da ist aber nichts zu machen. Der Ruf der Kanzlei steht auf dem Spiel.”

Als ich ein halbes Jahr später wieder nach Kolkata kam und mich mit Monish zum Mittagessen traf, erkundigte ich mich nach dem Fall. Wie er mir erzählte, hatte einer der Jungs, um seine Freundin zu beeindrucken, ein neues Motorrad angeschafft, das seine finanziellen Möglichkeiten überstieg. Die Daten hatte er einem Interessenten für 20000 Rupien verkauft.

“Und der Interessent?”
“Ein wohlhabender Geschäftsmann, der einen Konkurrenten ausspionieren wollte.”
“Damit dürften wohl beide jetzt hinter Gittern sitzen?”
Monish lachte kurz auf.
“So läuft das hier nicht. Mein ehemaliger Angestellter ist im Gefängnis – auf Jahre hinaus. Der Interessent erhob eine Gegenklage, meines Wissens wegen übler Nachrede, und fand einen Richter, der sie zuließ. Vermutlich gegen Bezahlung. Das Gerichtsverfahren wird wahrscheinlich so lang hinausgezögert, bis es irgendwann eingestellt wird.”
“So ist das also mit der Gerechtigkeit.”
“Bei euch gibt es doch ein Sprichwort, das auf ähnliche Verhältnisse hinweist”, sagte mein mit der deutschen Sprache bestens vertrauter Freund.
“Ja, gibt es: Die Kleinen werden gehängt – die Großen lässt man laufen.”

– Surendra Sparsh

300 Wörter

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~ von ultrakurz - 10. Juli 2007.

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