Die Laube über dem Fluss

Draußen ging ein prasselnder Regen nieder. Kurz vor Mitternacht klopfte es an die Tür, und gleich blendete auch noch eine Taschenlampe von außen zum Küchenfenster herein. Es war Jake Ward, Polizeihauptmann und langjähriger Kegelbruder meines Vaters.

“Jake.”
“Hallo, Jenny. – Darf ich kurz reinkommen?”
“OK.”
“Ashton Warner. Kennst du den?”
“Ashton? Ja. Was ist mit ihm?”
Seine kühlen grauen Augen unter der triefenden Kapuze sahen mich eindringlich an.
“Hast du ihn heute Abend gesehen?”
“Ashton? Nein.”
“Wann hast du ihn zuletzt gesehen?”
“Weiß nicht, vor ein paar Wochen vielleicht. Aber ich würde doch gern wissen, warum du mir diese Fragen stellst, Jake.”
“Weil du seine Freundin bist.”
“Ich kenne ihn. Mehr nicht.”
“Da ist seine Vermieterin aber anderer Meinung.”
“Diese neugierige Pute! – Aber nun sag schon, was los ist.”
“Ashton Warner und ein weiterer Mann überfielen kurz vor Geschäftsschluss eine Bank. Der andere ist in Gewahrsam. Warner entkam, ist aber verwundet. Blutspuren zum Fluchtwagen.”
“Und der Fluchtwagen?”
“Noch nicht gefunden.”
Ich zuckte mit den Schultern.
“Das scheint dir ja nicht gerade viel zu bedeuten, Jenny, wie?”
“Er war nicht mal ein Freund. Wir waren einmal miteinander weg, aber das war’s dann auch.”

Es ging Jake ja nichts an, dass Ashton bei dieser einen Gelegenheit versucht hatte, mich zu vergewaltigen. In seiner Wohnung, in die ich mit ihm blöderweise nach dem feuchtfröhlichen Discobesuch gegangen war. Das war nach dem Bruch mit Luke vor zwei Jahren. Ich war lange Zeit nicht ausgegangen, hatte mich von meinem Bruder zu einem Vierer-Date mit ihm, seiner Freundin Debbie und Ashton überreden lassen und so viel getrunken, dass ich es geschafft hatte, mir im Laufe des Abends einzureden, Ashton gefiele mir ganz gut. Als er brutal wurde, war das aber schlagartig vorbei.

Jake bestand darauf, die Wohnung und das Grundstück zu durchsuchen, und ich ließ es zu, obwohl er keinen Durchsuchungsbefehl hatte.

In der Dunkelheit und im strömenden Regen hatte es ihm wohl an Gründlichkeit gemangelt. Denn als ich am nächsten Morgen hinter dem Haus zum Fluss hinabging, entdeckte ich Ashton am Abhang über dem Ufer, tot, mit den starren Armen an einer der Streben unter der Laube festgeklammert, auf dem Rücken die Taschen mit der Beute von der Bank, alles voll geronnenen Blutes.

– Jennifer McKenna (Copyright 2007)

Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Beilharz.

366 Wörter

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~ von ultrakurz - 10. April 2007.

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