Anitas Geschichte

Ich heiße Anita, bin schlank, habe langes, glänzend schwarzes Haar, ein fröhliches Naturell und bin nicht gerade hässlich. Allerdings bin ich ziemlich dunkel, was in Indien, einem Land, in dem Hellhäutigkeit alles zählt, meine Chancen auf eine gute Verbindung sehr verschlechterten. So waren meine Eltern überglücklich, als sie durch Vermittlung einer befreundeten Familie in Tarun einen Mann für mich fanden, der gut situiert war und dessen Familie keine allzu große Mitgift verlangte. Ursprünglich hatten sie ein Motorrad gefordert, sich dann aber auf einen Kühlschrank herunterhandeln lassen.

Nach unserer Hochzeit zog ich zu meinem Mann ins Haus meiner Schwiegereltern und musste nach sehr kurzer Zeit feststellen, dass alle eine Maske getragen hatten. Meinen Mann bekam ich kaum zu sehen. Er kam spät abends von der Arbeit zurück, nahm sein Essen zu sich, für das er nie ein gutes Wort fand, und schlief dann mit mir in aller Brutalität. Für seine keifende Mutter war ich ein Arbeitstier, das nie genug leistete. Machte ich etwas falsch, ohrfeigte oder trat sie mich. Mein Schwiegervater behandelte mich noch am besten, warf mir aber oft begehrliche Blicke zu, die mich frösteln ließen.

Wir kauften regelmäßig Gemüse bei einem ältlichen Straßenhändler, der mit seinem flachen Korb ins Haus kam. Eines Tages kam er mit einem jüngeren Mann, den er uns als Nikhil und seinen Nachfolger vorstellte. Danach kam stets Nikhil, der beim Abwiegen seiner Ware immer gerne ein bisschen plauderte. Ich fing an, mich auf seine Besuche als einzigen Lichtblick in meinem traurigen Alltag zu freuen.

Eines Tages traf er auch meinen Mann, und ich sah sofort, dass er ihm einen Blick des Erkennens zuwarf. Einige Tage später – meine Schwiegermutter war gerade weg – fragte Nikhil, ob er mir etwas im Vertrauen sagen könne.

“Dein Mann ist aus meiner Stadt. Dort wird er von der Polizei gesucht, weil er und seine Mutter seine erste Frau angezündet haben. Einer dieser sogenannten Küchenunfälle. Aber Inspektor Pandey glaubte ihnen nicht. Deshalb sind sie fluchtartig abgehauen. Die Mutter kenne ich kaum, aber bei Tarun, dem Sohn, bin ich mir sicher.”

Ende gut, alles gut. Inspektor Pandey verhaftete Tarun und meine Schwiegereltern, die jetzt hinter Gittern sitzen.

Und ich? Ich bin glücklich mit Nikhil verheiratet und erwarte ein Kind.

– Anuradha Das (Copyright 2007)

366 Wörter

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~ von ultrakurz - 21. März 2007.

2 Antworten to “Anitas Geschichte”

  1. Thank you for the link. I regret I’m only really fluent in English, curse of the Americans.

  2. Thanks, David. This is a German blog with ultrashort stories – you’ve probably guessed as much. Originally, only one length (50 words) was allowed. But this seemed a little too narrow long-term, so I changed the rules, quoting your guideline „299 words each. Anything more is waste“.

    That reference is under:

    https://ultrakurz.wordpress.com/2007/03/16/in-eigener-sache-geanderte-regeln/

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